Dokumentarfilm : Das Verschwinden der Wirklichkeit

Talkshows statt Nahaufnahmen: Der Dokumentarfilm ist akut bedroht. Ein Protest in eigener Sache.

Wo bitte geht’s zur Wirklichkeit? Für die RBB-Produktion „20 x Brandenburg“ drehten 20 Filmteams im vergangenen Sommer 20 Geschichten. Hier Regisseur Hakan Savas Mican mit Kameramann Sebastian Lempe und Tonmann Matthias Steinach.
Wo bitte geht’s zur Wirklichkeit? Für die RBB-Produktion „20 x Brandenburg“ drehten 20 Filmteams im vergangenen Sommer 20...Foto: rbb/Niels Leiser

Unser Autor ist Dokumentarfilmer und arbeitet im Auftrag des Fernsehens. Da er sich diese Möglichkeit nicht versperren will, möchte er anonym bleiben.

Kürzlich wurde von höchster Stelle interveniert. Kulturstaatsminister Bernd Neumann protestierte bei ARD-Intendant Peter Boudgoust und ARD-Programmdirektor Volker Herres dagegen, dass montags um 21 Uhr künftig keine hochwertige Dokumentation mehr ausgestrahlt wird, sondern eine Talkshow. Die Dokumentation, so Neumann, gehöre zur Grundversorgung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Mit deren Abschaffung entfernt sich die ARD von ihrem gesetzlichen Programmauftrag und stellt dadurch auch irgendwann ihre Existenz in Frage.“

Anne Will, Sandra Maischberger, Frank Plasberg, Reinhold Beckmann und nun auch Günther Jauch. Jeden Abend ein anderer TV-Gastgeber, so soll es in der ARD künftig aussehen, die Verantwortlichen haben sich nicht um die Worte des Kulturstaatsministers geschert. „Bild“ hat ausgerechnet, dass hierzulande wöchentlich 33 Talkshows laufen. Schon jetzt müssten pro Woche 112 interessante Gäste aufgetrieben werden, von den Kosten für Kerner, Jauch, Plasberg, Will und Co. ganz zu schweigen.

„Der Dokumentarfilm ist langweilig, zu teuer und interessiert unsere Zuschauer nicht mehr.“ So tönt es auf Programmkonferenzen der öffentlich-rechtlichen Sender. „Der Dokumentarfilm ist vielfältig, nah dran an den Menschen, ihren Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Er erzählt von der Welt, indem er einzelne Schicksale erhellt.“ Das hört man auf gut besuchten Dokumentarfilmfestivals. „Nein, das Ausland interessiert den Zuschauer nicht, fremde Sprachen will er nicht hören. Filme mit komplexen Themen oder schrägen Menschen? Zu kompliziert, da steigt er aus. Kunstfilme will er schon gar nicht.“ So denkt man inzwischen selbst in den kulturnahen Sendern. Welcher Zuschauer ist das, der da für blöd erklärt wird?

Dokumentarfilm, Dokumentation, Reportage, Magazinbeitrag, Nachrichten-Einspieler, Doku-Drama, Doku-Soap, Doku-Feature – das sind die gängigen Genres. Rechnet man alle zusammen, kommt man in ARD, ZDF, Arte, 3sat und den Dritten Programmen auf eine stattliche Menge nichtfiktionalen Programms. Etwa zwei Drittel der Sendezeit werden damit gefüllt, Talkshows inklusive.

Also alles in Ordnung? Nein. Es geht um Qualität, nicht um Quantität. Darum, dass unsere Wirklichkeit immer häufiger kommentiert und einsortiert wird, immer seltener durch Betrachtung ergründet. Die Nachrichten berichten tagesaktuell, Magazinbeiträge reagieren auf laufende politische Ereignisse, 30- bis 45-minütige Reportagen beobachten Polizisten bei der Arbeit, Mütter bei der Geburt, Tiere im Zoo, es werden Reisen zu den schönsten Inseln, den höchsten Bergen, den wildesten Küsten unternommen. Die TV-Dokumentation tendiert in den letzten Jahren deutlich zur leichteren Unterhaltung.

Ein Dokumentarfilm nimmt sich 90 Minuten oder länger Zeit, um einen bestimmten Blickwinkel auf die Welt einzunehmen. Er geht in ein französisches Schweigekloster und beobachtet den Lebensrythmus von sechs Mönchen („Die große Stille“). Er deckt auf, dass der Wohlstand der reichsten Familie Deutschlands auf der Ausbeutung von NS-Zwangsarbeitern gründete („Das Schweigen der Quandts“). Er erkundet posthum die gedankliche Nähe, die der Terrorist Wolfgang Grams und der Chef der Deutschen Bank Alfred Herrhausen bei ihrer Einschätzung der weltpolitischen Probleme mitunter hatten („Black Box BRD“). Er beobachtet den schottischen Künstler Andy Goldsworthy, wie er in der Wildnis Kanadas aus Steinen und Holz imposante Objekte fertigt, und wie die Natur sie sich wieder nimmt („Rivers and Tides“). Oder er begleitet fünf sehr alte Menschen in Finnland, Tschechien, Italien, Österreich und Schweden, die sich ihre Lebensfreude erhalten, indem sie täglich für eine Alten-Olympiade trainieren („Herbstgold“).

Dokumentarfilmer teilen ein Stück Lebensweg mit ihren Protagonisten, sie gehen mit ihnen ins Kloster oder in die Wildnis, diskutieren mit Familienmitgliedern, gewinnen Vertrauen. Erst das ermöglicht Geschichten, ermöglicht Genauigkeit, Humor, politische Schärfe – und nachhaltige Bilder. Kleine Momente, große Weltbilder. Sie kosten Zeit und Geld. Diese Filme sind bedroht. Schon jetzt gelten sie im Fernsehen als die herausragenden Ausnahmen, die nur noch mit Hilfe von Filmfördergeldern zu realisieren sind. Noch Mitte der Neunziger wurden fürs Fernsehen jährlich 250 neue Dokumentarfilme gedreht, heute sind es noch 100. Im SFB waren es damals rund 40 neue lange Dokumentarfilme pro Jahr, immer mittwochs um 22 Uhr. Heute sind es drei, nach Mitternacht.

Nachdem bereits die beiden ganz großen europäischen Vergangenheitserzählungen des 20.Jahrhunderts „Shoah“ von Claude Lanzmann und „Hotel Terminus“ von Marcel Ophüls, dem Verdrängen der NS-Verbrechen Einhalt geboten hatten, gab es Ende der neunziger Jahre ein kleines deutsches Dokumentarfilmwunder. Musikfilme wie „A Tickle in the Heart“ und „Buena Vista Social Club“, Alltagsbetrachtungen wie „Die Blume der Hausfrau“ oder „Der Glanz von Berlin“, Naturfilme wie „Nomaden der Lüfte“ und gesellschaftskritische Auseinandersetzungen von Andres Veiels RAF-Studie „Black Box BRD“ lockten Millionen Zuschauer ins Kino. Auch heute ist der Anteil der Dokumentationen im Kino beträchtlich.

Diese Filme wurden und werden mit Fernsehbeteiligung produziert, anders lassen sie sich nicht finanzieren. TV-unabhängige Dokumentarfilme gibt es nicht. Die 900 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) kritisieren das seit Jahren, zumal die Gelder immer weiter reduziert wurden. Dass der Einfluss des Fernsehens größer geworden ist, berichtete der Filmemacher und Produzent Fosco Dubini bei einer Podiumsdiskussion der AG Dok im letzten Herbst: „Früher holte man sich eine erste Förderung von der Filmförderung und ging dann zum Fernsehen. Heute muss man zuerst zum Fernsehen, dann zur Filmförderung.“ Die Machtverhältnisse hätten sich grundsätzlich geändert. Und weil auch die Sendeplätze schrumpfen, trocknet die Dokumentarfilmlandschaft aus.

Auf Nachfrage bestätigen Redakteure aus mehreren Sendern eine fatale Tendenz. Tenor: „Die dokumentarischen Geschichten entfernen sich von den Problemen der Menschen, sie sollen unterhalten. Es gibt für jeden Sendeplatz eine Quotenerwartung. Wurde sie erfüllt, war der Film gut, wurde sie nicht erreicht, werde ich auf der morgendlichen Programmkonferenz gefragt, warum das nicht lief. Eine Programmvision jenseits der Quote existiert in den oberen Hierarchien nicht.“ Kein Redakteur will mit solchen Äußerungen namentlich genannt werden, man fürchtet Repressalien, zum Beispiel die Senkung des eigenen Etats.

Die Quote. Sie tauchte Mitte der achtziger Jahre auf, als die privaten Sender eine Preistabelle für den Verkauf ihrer Werbeminuten brauchten. Ohne dass es im Rundfunkgesetz verlangt wird, haben sich die gebührenfinanzierten Sender diesem Messinstrument angeschlossen; selbst Arte-Programmdirektor Christoph Hauser erklärt die Quotensteigerung mittlerweile zur Hauptaufgabe des deutsch-französischen Kulturkanals. Claas Danielsen, Leiter des Leipziger Dokumentarfilmfestivals, forderte die Fernsehmacher 2009 auf, das Programm nicht weiter verarmen zu lassen und die „Schattenquote“ derer zur Kenntnis zu nehmen, die sich vom Fernsehen abgewendet haben. Die Sender, so Danielsen, müssten ihre Tätigkeit einer weltoffenen pluralistischen Gesellschaft anpassen.

Um unser öffentlich-rechtliches Rundfunksystem beneidet uns die ganze Welt. Sieben Milliarden Euro Gebührengelder ermöglichen ein unabhängiges Radio- und TV-Programm. Gegründet wurden die Sender einmal als Kontrollorgane der Politik. Inzwischen sieht es so aus, als müsste die Politik kontrollieren, ob die TV-Sender ihren Auftrag überhaupt noch erfüllen. Laut Rundfunkgesetz sollen sie „einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen geben. Sie sollen die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern. Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen.“ Unterhaltung ist nur einer von vier Punkten, in der Praxis dominiert er die anderen drei.

Dokumentarfilme sind mit Etats, die oft nur ein Fünftel oder ein Zehntel der gängigen Spielfilmbudgets ausmachen, fürs Fernsehen äußerst kostengünstig. Den Quotenmachern zufolge geht der Dokumentarfilm im Fernsehen aber nur noch als Event, wie bei den Dokumentar-Großproduktionen des RBB, „24 h Berlin“ im Jahr 2009 und „20 x Brandenburg“ 2010. Ausnahmen, um die innerhalb des Senders durchaus gestritten wurde, bevor 80 beziehungsweise 20 Dokumentarfilmer zusammen arbeiteten und unterhaltsame, neugierige Blicke auf die Berliner und die Brandenburger warfen. Für diese couragierten Großproduktionen wird dann allerdings der Etat gleich mehrerer Dokfilme verbraucht.

Dessen Kerngeschäft bleibt der langsame, individuelle Blick, die Entschleunigung der Zeit. Volker Koepps Wittstock-Filme oder „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ sind deshalb so legendär: wegen Koepps Kunst des Wartens, wegen des Zögerns und Schweigens seiner Protagonisten. Es ist ihr Wesen, ihr Charme, ihre Komik. Weil der Dokumentarfilm keine sich ständig zuspitzenden Plots bedienen muss, kann er andere Erzählungen probieren, andere Lebenswelten eröffnen. Im Fernsehen ist das fast nicht mehr denkbar. Dabei ist es unabdingbar für die (Selbst-)Verständigung in unserer sich globalisierenden Gesellschaft.

Viele Filmemacher und auch Fernseh-Redakteure haben die Nase voll. Aus dem WDR heraus wurde kürzlich eine der internen Hauszeitung täuschend echt nachempfundenen Zeitung mit 40000 Exemplaren in Umlauf gebracht (www.freienseiten.de). Dort wird das Fernsehen der Zukunft herbeibeschworen: ein Miteinander, innovativ und gemeinsam im Sinne des Programmauftrags – ohne gedeckelte Hierarchie und ständige Quotenangst. Die Wunschvorstellung verrät, wie die Wirklichkeit aussieht.

Tatsächlich wird der Dokumentarfilm im Zeitalter der Filmschnipsel, die jeder mal eben so mit dem Handy herstellt und für seine Freunde auf Facebook hochlädt, immer notwendiger. Wegen seines humanistischen Blicks. Wegen der vorgestellten, nicht der nachgestellten Gegenwart. Und weil er Bilder aufbewahren kann, die sich ins kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft einschreiben.

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