Dokumentarfilm : Eintauchen statt Abtauchen

In der vergangenen Woche beklagte ein anonymer Dokumentarfilmer im Tagesspiegel das "Verschwinden der Wirklichkeit" im deutschen Fernsehen. Doch der Dokumentarfilm lebt: eine Erwiderung.

Johannes Unger
Wo bitte geht’s zur Wirklichkeit? Für die RBB-Produktion „20 x Brandenburg“ drehten 20 Filmteams im vergangenen Sommer 20 Geschichten. Hier Regisseur Hakan Savas Mican mit Kameramann Sebastian Lempe und Tonmann Matthias Steinach.
Wo bitte geht’s zur Wirklichkeit? Für die RBB-Produktion „20 x Brandenburg“ drehten 20 Filmteams im vergangenen Sommer 20...Foto: rbb/Niels Leiser

In der vergangenen Woche beklagte ein anonymer Dokumentarfilmer im Tagesspiegel das „Verschwinden der Wirklichkeit“ im deutschen Fernsehen. Seine Kritik richtete sich auch und gerade an die öffentlich-rechtlichen Sender und den Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Es stimmt: Das Dokumentarische, die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, das – wenn man so will – „Wahrhaftige“ hat es im Fernsehen immer schwerer. Der differenzierte Blick und die leisen Töne werden immer mehr von Trash, Talk und „Scripted Reality“ grell überstrahlt und übertönt. In den letzten Tagen wollte mehr als ein Drittel der deutschen Fernsehzuschauer die Offenbarungen angeblicher Stars im „Dschungelcamp“ miterleben. Was soll man dazu noch sagen?

Konkurrenz, Formatierung und das Streben nach möglichst breiter Akzeptanz beeinflussen verstärkt die Arbeit der Redaktionen auch in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Insofern sind die Besorgnis und der Zorn des Autors verständlich. Dennoch möchte ich die Darstellung in einigen Punkten richtigstellen.

Fest steht: Der RBB fördert trotz begrenzter finanzieller Möglichkeiten wie kaum ein anderer Sender das dokumentarische Fernsehen. Beispiele dafür sind die viel beachteten, preisgekrönten Projekte „24 h Berlin“ und „20 x Brandenburg“, überhaupt hat der RBB das dokumentarische Fernsehen zum Markenzeichen und zu einem Kernbestandteil seines Programms herausgebildet. Kein anderer ARD-Sender verfügt über eine solche Kombination von exzellenten Sendeplätzen für dokumentarische Stoffe. Für diese Plätze entstehen pro Jahr 40 bis 50 kürzere und längere Dokumentationen und Dokumentarfilme. Dahinter stehen Aufträge für freie Autoren und Produktionsfirmen, meist aus der Region.

Der klassische Kino-Dokumentarfilm ist meist aufwändiger, sperriger und in der Finanzierung komplexer, er braucht mehrere Partner und einen langen Atem. Der RBB beteiligt sich – oft mit Unterstützung des Medienboard Berlin-Brandenburg – jährlich an rund einem Dutzend Kino-Dokumentarfilmprojekten, mit einer Summe von insgesamt mehreren hunderttausend Euro. Dazu gehörten in den letzten Jahren: „Meine Mütter“ von Rosa von Praunheim, „Anstoß in Teheran“ von David Assmann, „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“ von Felix Moeller, „Neukölln Unlimited“ von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch, „Berlin – Stettin“ von Volker Koepp, „Berlin – Ecke Bundesplatz“ von Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich, „Prinzessinnenbad“ von Bettina Blümner, „Gerdas Schweigen“ von Britta Wauer sowie „In Berlin“ von Michael Ballhaus und Ciro Cappellari.

Die Großprojekte, die der RBB mithilfe vieler Partner auf die Beine gestellt hat, dienen vor allem dazu, einem breiten Publikum die Vitalität des dokumentarischen Schaffens zu präsentieren. Anders als der Autor des Tagesspiegel-Artikels behauptet, waren diese Vorhaben im RBB keineswegs umstritten. Für „24h Berlin“ oder „20 x Brandenburg“ haben sich alle Beteiligten vielmehr mit großer Leidenschaft engagiert!

„24 h Berlin“ sei ein „Rettungsring im Meer des Fernsehens“, schrieb Torsten Körner, einer der renommiertesten Fernsehkritiker. „20 x Brandenburg“ kommentierte er mit einem Satz, der uns allen Ansporn sein sollte: „Dieses forschende, lebensnachfühlende Erzählen könnte die Königsdisziplin der Öffentlich-Rechtlichen sein, könnte in Zeiten der krawallorientierten Ausplünderung des Wirklichen ein Antidot gegen den aufgeputschten, derangierten Blick sein, könnte ein sensibilisierendes Eintauchen in reale Lebenswelten darstellen statt ein Abtauchen in synthetische Abstumpfungswelten …“

Zugleich gilt aber auch: Der klassische künstlerische Dokumentarfilm ist nicht mehr das Maß aller Dinge. Formen und Erzählweisen müssen sich in Zeiten von Youtube und Facebook verändern und erneuern können. Das ist die gemeinsame Aufgabe von Filmemachern und Redaktionen: sich auszutauschen, auszuprobieren und wahre Geschichten zu erzählen. Geschichten, die das Publikum bewegen und fesseln. Also: An die Arbeit!

Der Autor leitet die Abteilung Dokumentation und Zeitgeschehen im RBB.

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