Dokumentarfilm „Nicht alles schlucken“ : Die Krise mit der Krise

Wie gehen Betroffenen mit ihrer psychischen Erkrankung um? Der Potsdamer Psychiater Piet Stolz begleitet in seiner Doku "Nicht alles schlucken" eine Selbsthilfegruppe bei ihrem Weg aus der Krise. Und er beleuchtet die kritische Rolle von Psychopharmaka.

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Szene aus Piet Stolz' Dokumentarfilm "Nicht alles schlucken".
Szene aus Piet Stolz' Dokumentarfilm "Nicht alles schlucken".Foto: credofilm / dpa

In Deutschland nimmt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Störungen wie Ängsten, Depressionen oder Psychosen Jahr für Jahr zu. Doch qualifizierte Therapieplätze sind teuer und rar – da ist es einfacher, Medikamente zu verschreiben. Und ein lohnendes Geschäft: Psychopharmaka stehen mittlerweile auf Platz vier der meistverkauften Arzneimittel. Zu oft, meint der Potsdamer Psychiater und Psychotherapeut Piet Stolz. Denn psychische Krankheiten sind häufig die Folge persönlicher Lebenskrisen. Betroffene brauchen eher Zuwendung als Neuroleptika oder Tranquilizer, die oft nicht gesund machen, sondern taub, müde und stumm.

Der Dokumentarfilm, den Stolz nun gemeinsam mit den Filmemachern Jana Kalms und Sebastian Winkels („Sieben Brüder“) produziert hat, versammelt 20 Männer und Frauen, die den ersten Schritt zum Aufbruch schon unternommen haben. Es sind Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung, Angehörige, Pfleger und Ärztinnen – ein großer Stuhlkreis, in dem von meist problematischen Medikamenten-Erfahrungen und Therapiebemühungen berichtet wird, man einander aber auch Mut zum Weitergehen macht.

Mit dem Zuschauer über Psychosen reden

Trialog nennt sich der 1989 initiierte, heute breit praktizierte Ansatz, die verschiedenen psychiatrischen Akteure auf Augenhöhe zusammenzubringen. Mit Psychose-Seminaren in Potsdam war Stolz früh darin involviert. Dazu existiert bereits ein erster „trialogischer“ Film. „Raum 4070“ sollte 2006 auch das oft mystifizierte Krankheitsbild Psychose in ein neues Licht rücken.

In der neuen Doku stehen nun ebenfalls eher psychotische als depressive Krankheitsbilder im Mittelpunkt. Eine Besonderheit dieses „Films über Krisen und Psychopharmaka“ ist das technische Setting: Eine speziell konstruierte Kamera lässt die Protagonisten über die Montage nicht nur miteinander, sondern auch direkt zum Zuschauer sprechen.

Weniger Chemie, mehr Mensch

Auf Kommentare wurde bei dieser Film gewordenen Selbsthilfe-Sitzung verzichtet, ebenso auf die Einordnung in gesellschaftliche oder ökonomische Zusammenhänge. So steht „Nicht alles schlucken“ in den Trialog-Foren im Netz denn auch vielerorts als Multiplikator beim Versuch zur Neujustierung psychiatrischer Therapeutik auf der Agenda. Ein deutliches Statement für die Emanzipation von einer Psychiatrie, deren Menschenbild auf chemische Prozesse verkürzt wird, ist der Film allemal.

Spielorte: Babylon Mitte, Eva-Lichtspiele

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