Dokumentarfilm "Sonita" : Rappen gegen die Zwangsehe

In der starken Dokumentation „Sonita“ begleitet Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami eine junge afghanische Rapperin, die als Flüchtling in Teheran lebt.

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Die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh.
Die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh.Foto: Behrouz Badrouj

Die Augen geschwollen, Blut auf der Wange, ein Strichcode auf der Stirn – die Rapperin hat sich dramatisch zurechtschminken lassen für ihr erstes Video. Übertrieben? Plakativ? Sicher, aber vollkommen nachvollziebar. Die 19-jährige Sonita Alizadeh rappt in „Bräute zu verkaufen“ über afghanische Mädchen, die von ihren Familien für Geld verheiratet werden.

Ihr droht dasselbe. Der Videoclip ist ein Ausbruchsversuch, ihre einzige Chance – und ein Höhepunkt der nach ihr benannten Dokumentation von Rokhsareh Ghaem Maghami.

Als Kind floh Sonita mit ihrer Familie vor den Taliban in den Iran. Jetzt lebt sie – ohne Papiere und weitgehend rechtlos – mit einer ihrer Schwestern und deren kleiner Tochter in einer winzigen Wohnung in Teheran. Regelmäßig besucht sie ein Sozialzentrum für Flüchtlingskinder, wo sie auf die iranische Filmemacherin trifft.

Diese beginnt, Sonita mit der Kamera zu begleiten. Denn etwas unterscheidet die junge Frau von den anderen afghanischen Mädchen: Sie ist Rapperin und versucht, einen Produzenten für Studioaufnahmen zu finden. Faszinierend zu sehen, wie unbeirrbar Sonita an der Umsetzung ihres völlig illusorisch erscheinenden Traums arbeitet. Dass sie damit gegen iranische Gesetze verstößt, ist ihr egal.

Die Filmemacherin greift in das Leben von Sonita ein

Sonitas rebellischer Geist zeigt sich auch, als ihre Mutter aus Herat anreist, um die familiären Heiratspläne zu präsentieren: Für 9000 Dollar soll Sonita an einen ihr fremden Mann in Afghanistan verheiratet werden, womit wiederum die Hochzeit ihres älteren Bruders finanziert werden soll. „So ist die Tradition“, sagt die Mutter. Sonita widerspricht ihr, argumentiert und rappt gegen deren Plan an, der bald auch das Filmprojekt gefährdet. Die Regisseurin sieht sich zu einem äußerst ungewöhnlichen Schritt gezwungen. Gegen alle Regeln ihres Faches greift sie ein in das Leben ihrer Protagonistin: Sie zahlt der Familie Geld – und kauft Sonita Zeit.

Man kommt nicht umhin, diese Entscheidung zu begrüßen. Denn Rokhsareh Ghaem Maghami rettet nicht nur ihren Film, sie ergreift die Chance, eine junge Frau zu retten und auf das Schicksal vieler weiterer hinzuweisen. Aktivismus? Nein, Menschlichkeit.

OmU: Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Lichtblick, Moviemento

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