Dokumentarfilm : Stadt der Schlafwandler

Narkotisch und komisch: Guy Maddins Doku-Fantasie „My Winnipeg“ eröffnet das Berlinale-Forum.

Sebastian Handke
My Winnipeg
Szene aus "My Winnipeg". -Foto: Promo

„Oh Winnipeg! Oh Winnipeg! Mein schlafwandelndes Winnipeg!“ So ruft der Erzähler dieses Films. Es ist eine Dokumentation, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Eine Doku-Fantasie. Eine Mischung aus Information und Hypnose. Ein Film wie eine Beschwörung: narkotisch, traumwandlerisch – und ungeheuer komisch. Für Guy Maddin, diesen wunderbar exzentrischen Filmemacher, war eine Dokumentation immer ein sehr fern liegendes Unterfangen. Seine Werke heißen „Tales from the Gimli Hospital“ oder „Twilight of the Ice Nymphs“, und es sind hochgradig künstliche: traurige Wintermärchen und groteske Melodramen, dargebracht in der Ästhetik des deutschen Stummfilms, aufgenommen mit altem Gerät und weichzeichnendem Fett auf den Linsen.

Was treibt einen wie ihn dazu, ausgerechnet eine Dokumentation zu drehen? „Der Hunger“, sagt Maddin und lacht in den Telefonhörer. Wenige Tage vor der Berlinale sitzt er noch in seinem Landhäuschen außerhalb von Winnipeg in Kanadas Norden, seine enge Freundin Isabella Rossellini ist zu Besuch. Sie wollen gleich Frühstücken gehen, danach wird geprobt für eine Aufführung von „Brand Upon the Brain!“, ein Stummfilmereignis für Orchester, Geräuschemacher und Zeremonienmeisterin, mit dem die beiden im letzten Jahr auf der Berlinale gastierten. Draußen sind es minus zehn Grad. „Ich war pleite und hörte, dass Michael Burns vom Discovery Channel gerne einen Dokumentarfilm von mir hätte.“ Maddin rief ihn an. Burns fragte ihn nach seinem Thema. Maddin hatte keins. „Gib mir einfach einen Auftrag“. Der Auftrag lautete: Winnipeg. Die neue Aufgabe fiel Maddin nicht leicht: Anders als ein Spielfilm, dessen Skript die Richtung vorgibt, entsteht eine Doku erst im Schneideraum. „Wenn man endlich die letzte Einstellung gedreht hat und völlig erschöpft ist, fängt die eigentliche Arbeit erst an.“ Doch der 51-jährige Filmemacher, der selbst sein gesamtes bisheriges Leben in Winnipeg verbracht hat, kämpfte sich durch. „Im Gegensatz zu den Amerikanern sind die Kanadier sehr schlecht darin, sich selbst zu mythologisieren. Ich wollte den Mythos meiner Stadt aufzeichnen und in die Welt tragen.“

Als hätte Maddin nicht immer schon an diesem Mythos gesponnen, zuletzt in „The Saddest Music in the World.“ Aber diesmal, sagt der Märchenfilmer, ist alles echt. Alles? „Es ist ein Dokumentarfilm! Alles darin beruht auf harten Fakten oder dem Glauben der Ureinwohner.“ Manches ist in der Tat kaum zu glauben, denn Winnipeg ist eine sonderbare Stadt. „Bewusstseinsverändernd“, sagt Maddin. Eine Stadt, an der sich vier Flüsse kreuzen, zwei davon unterirdisch. In der die Obdachlosen auf Hausdächern wohnen. Eine Stadt, in er es zehn mal mehr Schlafwandler gibt als irgendwo sonst auf der Welt. Und weil es die Wandelnden meist in die Vergangenheit zieht, tragen Winnipegger die Schlüssel zu ihren Ex-Wohnungen mit sich herum. Und wenn sie mal vor einer fremden Tür stehen, muss ihnen Einlass gewährt werden – das Gesetz von Winnipeg will es so. Zu viele sind bereits in der Kälte erfroren. Geozentrismus, Mondzyklen, Nordlichter und biomagnetische Kräfte wirken sich auf Winnipeg und seine Menschen aus, das Wetter natürlich und auch die Isolation: Acht Stunden Autofahrt sind es zur nächsten Stadt.

Guy Maddin verbindet sein Stadtporträt mit einer Reise in die eigene Kindheit. Berichtet wird aus der Perspektive eines Schlafenden im Zug. Vielleicht ist es Maddin selbst, jedenfalls einer, der endlich den Weg finden will aus der schlafenden Stadt. Wie ein Reiseführer durchs eigene Gedächtnis führt Maddin durch Winnipeg. Collagiert Scherenschnitte, Zwischentitel, historische Bilder und neues Material. Dazu wird schwere Musik aus spätromantischen Füllhörnern gegossen. Und dann diese herrlichen Texte: Guy Maddin wird sie bei der Premiere in Berlin selbst sprechen, oder besser: deklamieren. Sein Kommentar ist gewitzt, geschliffen und pathetisch wie eine Partitur, seine Sätze klingen, als seien sie vor hundert Jahren geschrieben worden. War es schwer, sich in diesen Duktus einzufinden? „Ich kann gar nicht anders“, sagt Maddin. „Die meiste Zeit des Tages verbringe ich damit, Emails an meine Freunde zu schreiben. Die klingen alle so. Ich muss mir große Mühe geben, wenn eine meiner Nachrichten wenigstens nach spätem 20. Jahrhundert klingen soll.“ Ob Maddin sein Winnipeg je verlassen wird? Er weiß es nicht. Die Tochter schickt Wohnungsprospekte aus Toronto, und seine Enkelin würde er auch gerne öfter sehen. Maddin ringt noch mit sich. Sein Grab, sagt er voller Zuversicht, hat er jedenfalls noch nicht bestellt.

Heute 19 Uhr (Delphi), 9.2., 20 Uhr (Cinestar 8) 10.2., 17.30 Uhr (Arsenal 1) 10.2., 22.15 Uhr (Cubix 9)

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