Dokumentarfilm : Streifzug durch die deutsche Atomkraftlandschaft

"Paula 17, Meldung angesprochen". So reden sie im Atomkraftwerk. Volker Sattels beunruhigende Dokumentation "Unter Kontrolle" zeigt Reaktoren in ihrer Monstrosität und Kompliziertheit.

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Das blaue Leuchten. Wartungsarbeiten über dem geöffneten und gefluteten Reaktorkern im AKW Grundremmingen.
Das blaue Leuchten. Wartungsarbeiten über dem geöffneten und gefluteten Reaktorkern im AKW Grundremmingen.Foto: Crecofilm/Sattel/Stefanescu

In dieser Woche liefern nur vier der 17 deutschen Kernkraftwerke Strom. Sieben Altmeiler wurden aufgrund des Atommoratoriums der Bundesregierung nach der Reaktorhavarie in Fukushima im März abgeschaltet. Die übrigen werden gerade gewartet oder führen ihren jährlichen Brennelementewechsel durch. Deshalb werden in Deutschland derzeit nur etwa zehn Prozent des Stroms durch Atomkraft erzeugt.

Eines der Werke, die weiterlaufen, ist das bayrische Gundremmingen. Es spielt neben dem AKW Grohnde, dem Forschungszentrum Karlsruhe, der Kraftwerksschule Essen und dem Schnellen Brüter Kalkar eine Hauptrolle in Volker Sattels hervorragendem Dokumentarfilm „Unter Kontrolle“, der lange vor Fukushima entstand und im Februar im Forum der Berlinale Premiere feierte. Sattels Streifzug durch die deutsche Atomkraftlandschaft beginnt mit einer Montage von Kraftwerksaufnahmen. Wie große, grau-weiße Tiere liegen die Meiler in idyllischen Panoramen. Majestätisch, respekteinflößend, fast postkartentauglich wirken sie in den sommerlichen Cinemascope-Bildern.

Schönheit und Schrecken: Noch faszinierender ist das Innere. Die Brennstäbe schimmern unter Wasser in geheimnisvollem Blau. Die übrige Technik sieht oft aus, als stamme sie vom Set eines ScienceFiction-Films der Siebzigerjahre oder aus dem Industriemuseum. Während auf der Leinwand ein kindergartenbunt blinkenden Kreislaufmodell zu sehen ist, sagt ein Mitarbeiter: „Nach 25 Jahren sind wir immer noch auf dem aktuellsten Stand und haben eine Technologie, nach der sich Ingenieure wirklich die Finger lecken.“ Derart plakativ geht Volker Sattel, der nahe dem AKW Philippsburg aufwuchs, meistens zum Glück nicht vor. Er setzt auf lange Einstellungen, ruhige Schwenks und sachliche O-Töne – die in der Summe einen Erkenntnisprozess mit hoher Halbwertszeit freisetzen.

Immer wieder führt Sattel die Reaktoren in ihrer ganzen Monstrosität und Kompliziertheit vor. So wird, ohne Worte, auf bedrückende Weise klar, dass der historische Irrtum von der „friedlichen Nutzung der Atomenergie“ jahrzehntelang kaum zu korrigieren war. Ist eine atombetriebene High-Tech-Kathedrale erst einmal gebaut, verschwindet sie eben nicht so leicht wieder, sondern wird betrieben und verteidigt, mit großem Aufwand.

Die Prämissen und Ideale dieser Parallelwelt stammen aus einer längst vergangenen Zeit der Atomkraftbegeisterung. Die Bewohner dieser Welt bedienen sich einer eigenen Sprache („TX07 Paula 17, Meldung angesprochen“), mit der sie das minimale Risiko ihres Tuns perfekt erklären können. Immer wieder treten Techniker auf, die mit beruhigender Stimme erstaunlich lange Sätze über Reaktorschutztafeln, Vernebelungsanlagen oder Schnellabschaltungen sagen. Es scheint fast, als wollten sie dabei genauso sich selbst wie ihr Gegenüber beruhigen.

Zu den spannendsten Momenten in „Unter Kontrolle“ zählt der Besuch auf dem Gelände des nie in Betrieb genommenen Schnellen Brüters Kalkar, dessen Bau neun Milliarden D-Mark gekostet hat. Der vor sich hin rottende Kontrollraum erinnert an die Bilder des vom Erdbeben in Japan zerstörten Leitstands von Fukushima 1; in den benachbarten Reaktoren des Tepco-Werks ist es zur Kernschmelze gekommen.

Derweil dreht sich im Kühlturm von Kalkar heute ein Kettenkarussell – so etwas würde bestimmt auch den Kindern in Biblis, Gundremmingen, Neckarwestheim oder Philippsburg gefallen.

Broadway, fsk, Hackesche Höfe, Kant Kino

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