Dokumentarfilmfestival Doku.Arts in Berlin : Teure Minuten und ein Meilenstein

Das Berliner Doku.Arts-Festival zeigt vier Wochen lang Dokumentarfilme, die von Schriftstellern, Lebenskünstlern und Filmemachern handeln. Es eröffnet mit einem herausragenden Beitrag über die Autorin Susan Sontag.

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Virtuos. Susan Sontag in Nancy Kates biografischer Dokumentation. Foto: Festival
Virtuos. Susan Sontag in Nancy Kates biografischer Dokumentation.Foto: Festival

Die künstlerischen Möglichkeiten der Gattung verbergen sich hinter erniedrigenden Namen. Kompilationsfilm etwa. Als stünde nicht hinter jeder gelungenen, aus Archiven zusammengetragenen Dokumentation ein denkender, montierender, kommentierender, das Material bewusst deutender Filmemacher. Oder Second Hand Cinema. Als gäbe es ein höher stehendes dokumentarisches Kino aus erster Hand, dessen Enthaltsamkeit in Sachen visueller Gebrauchtware einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit verspricht.

Mit dem Festival Doku.Arts, das nun vier Wochen lang fast allabendlich im Berliner Zeughaus-Kino stattfindet und sich das Wort vom Second Hand Cinema offensiv zu eigen gemacht hat, verbindet sich aber nicht nur ein ästhetischer Kampfbegriff, sondern auch ein akutes praktisches Problem. Denn es geht ums Zitieren vorhandener, oft per Urheberrecht oder Copyright geschützter Werke.

Problematisch sind zunächst die Kosten. Die Lizenzgebühr für eine Minute Archivmaterial von ARD oder ZDF, heißt es in der Ankündigung der von Andreas Lewin geleiteten Schau, übersteigt inzwischen die Herstellungskosten der Minute, in der es eingebaut wird. Unabhängige Produktionen können sich das kaum leisten. Ein zweitägiges Symposion zum Auftakt von Doku.Arts mit gesamteuropäischer Perspektive will nun zeigen, welche Konsequenzen solche Verhältnisse haben – unter anderem die, dass hierzulande das filmische Erbe brachliegt.

Es geht aber nicht nur um eine überfällige Regelung des Fair Use, einer Rechtsbestimmung, die in Deutschland anders als im anglo-amerikanischen Raum bisher keinen Platz hat. Es geht auch um künstlerische Zwänge. Dass viele Filmemacher historisches Geschehen, das allein auf mündlicher oder schriftlicher Überlieferung beruht, in fiktiven Szenen nachstellen, mag Symptom eines Illustrationswahns sein, der nichts unbebildert lassen kann. Dass sie jedoch auf theatralische Lösungen zurückgreifen, wo es durchaus Archivmaterial gibt, ist eine reine Budgetfrage.

Wenn der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser in seinem Festvortrag über die „Ethik der Aneignung“ nachdenkt, steht also ein ganzes Bündel von Aspekten zur Diskussion, in das sich obendrein die Frage nach Persönlichkeitsrechten mischt – und eine Veränderung dokumentarischer Ästhetik durch Mashup-Videoclips, wie sie Hobby-Cutter zu Tausenden im Netz betreiben.

Mit welcher Virtuosität biografische Dokumentationen heute zu Werke geht, zeigt in deutscher Erstaufführung schon der Eröffnungsfilm „Regarding Susan Sontag“ von Nancy Kates, eine Produktion für den amerikanischen HBO-Kanal. Kein geschichtliches Ereignis, das in diesem chronologisch angelegten Porträt der 2004 gestorbenen Schriftstellerin nicht sofort in dramatischem Archivmaterial gespiegelt würde. Keine fotografische Ausgrabung und kein Bewegtbild von ihr, das sich nicht elegant in den Fluss digitaler Animationseffekte einfügen würde. Spannender kann man das nach außen hin so glamouröse Leben dieser charismatischen Intellektuellen nicht erzählen.

Es lässt sich kaum ermessen, wie viel Materialrecherche in diesen Film eingeflossen ist, wie viele Rechte zu klären waren – und was das Ganze gekostet hat. Bewundernswert auch, wie viele Zeitzeugen Nancy Kates erstmals vor die Kamera bekommen hat – und wie viele Geliebte von Harriet Sohmers Zwerling bis zu Annie Leibovitz. „Regarding Susan Sontag“ ist zwar keine Pionierarbeit, aber doch ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Biografie, die durch die Veröffentlichung von Sontags Tagebüchern aus dem Nachlass (erschienen sind bisher zwei Bände) einen entscheidenden Schub bekommen hat, obwohl die editorische Praxis ihres Sohns David Rieff ein ärgerliches Rätsel bleibt. Leider erzählt Kates aber auch eine Heiligenlegende, die weder kritischen Abstand zum essayistischen Werk wagt, noch den vielen Facetten der zugleich zerquälten wie von sich eingenommenen egozentrischen Persönlichkeit gerecht wird. Susan Sontag ist hier ganz die unbestechliche Gesellschaftskritikerin und einsame Kämpferin gegen einen Krebs, dem sie lange widerstand. Nur in Andeutungen kommen ihre Schwächen zu Wort.

Doku.Arts vereint neben Kates’ fast hyperinstrumentierter Fernsehinszenierung indes viele Töne. Adriana Jacobsen und Soraia Vilela zeichnen in der Deutschlandpremiere von „Outro Sertão“ die vier Jahre des großen brasilianischen Romanciers João Guimarães Rosa in Nazideutschland nach. Der französische Radio- und Videokünstler Jean- Marc Lamoure beobachtet den ungarischen Filmemacher Béla Tarr bei den Dreharbeiten zu dessen erklärtem letzten Film „Das Turiner Pferd“. Bis auf Einsprengsel aus diesem Testament zu Lebzeiten und früheren Werken wie „Satantango“ arbeitet „Tarr Béla, I used to be a filmmaker“ allerdings im reinsten cinema-verité-Stil.

Die Choreografin Siobhan Davies und der Filmemacher David Hinton wiederum zollen in „All This Can Happen“ Robert Walsers Erzählung „Der Spaziergang“ aus dem Jahr 1917 mit mehreren hundert Stummfilmausschnitten Tribut. Wer schließlich bei der letzten Berlinale Martin Scorseses „50 Year Argument“ nur als fragmentarisches Work-in-Progress sehen konnte, bekommt nun Gelegenheit, diese Hommage an die „New York Review of Books“ in ihrer ganzen Pracht zu sehen.

Doku.Arts, 10.9. bis 12.10. im Zeughauskino. „Regarding Susan Sontag“: 10./14.9., 21 Uhr. Weitere Infos: http://doku-arts.de

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