Kultur : Dokumentarfilmfestival: Familienalben und andere Wahrheiten

Silvia Hallensleben

Zwei Familienfotos. Beide zeigen den Kreis der Lieben, orgelpfeifenartig um den pater familias nebst Mama aufgebaut. Das lohnt sich: Auf dem einen Bild sind elf, auf dem anderen gar vierzehn Kinder zu sehen.

Zwei Fotos, zwei Filme, die aus ihnen entstanden sind. Beide beginnen auf dem Friedhof. Beide erzählen von Müttern und Familienschicksalen. Beide unterscheiden sich sehr darin, wie sie mit ihrem Material umgehen. Während Robert Bozzis "Ma famille américaine" sein gespenstisch geklont aussehendes Familienporträt als bloßen Aufhänger für eine Reise in den Alltag seiner Ex-Schwiegerfamilie benutzt, begibt sich der schwedische Regisseur Lars-Lennart Forsberg auf eine Expedition durch sein Familienalbum. Dabei fragt er auch, was Bilder denn erzählen können, beim ersten Hinschauen und später, wenn man sie zusammenbringt mit jenen der Erinnerung. "Meine Mutter hatte vierzehn Kinder" wurde in Leipzig mit der Silbernen Taube prämiert.

Viele Beiträge auf dem diesjährigen Leipziger Dokumentarfilmfestival sind Familiengeschichten. Doch nicht jeder wiedergefundene Halbbruder bewegt auch den außerfamiliären Rest der Welt. Mag sein, dass es an den Filmschulen Übungsaufgaben gibt, aus Fotos, Stimmen und atmosphärischer Musik solche "Erinnerungsfilme" herzustellen. Hat sich das "Leben" ganz aufs Private zurückgezogen? Sind die Stoffe ausgegangen?

Dabei liegen die Themen vor der Tür. Die junge, in Lagos geborene und in Berlin lebende DFFB-Studentin Branwen Okpako portätiert in "Dreckfresser" den afrodeutschen Dresdener Polizisten Sam Meffire, der erst zum Objekt einer Multi-Kulti-Werbekampagne und dann zum Opfer der Polizeibürokratie und seiner selbst wurde. Zur Zeit sitzt Meffire wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis. Okpako gibt ihm das Wort, lässt aber auch andere Perspektiven zu. Welche Rolle dieser Film in Sachsen spielen könnte, machte schon die Aufgeregtheit der anschließenden Fragerunde deutlich.

Die junge Chinesin Tian Yi Yang, die für "Die Alten" die Goldene Taube erhielt, stellt ein paar alte Männer vor, die ihre Tage schwatzend an einer Pekinger Vorortstraße verbringen. Zwei Jahre hat die Filmemacherin sie begleitet, dabei sie selbst Teil der Truppe. So bekommt ihre Kamera alles mit, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, vom Lästern über den geldgierigen Nachwuchs bis zum Sinnieren über den Tod.

Es geht noch minimalistischer. "Haltepunkt" des Russen Sergej Loznica zeigt 25 Minuten lang Menschen, die in einem Wartesaal schlafen. Auch in "Die weiße Station", den der iranische Regisseur Seifollah Samadian aus einem Fenster heraus gefilmt hat, wird gewartet: auf den Bus. Ein Schneesturm tobt, durch den sich verschleierte Frauen kämpfen. Samadian gelingt es, mit zarten Zeichen den Wintersturm zu einem Wind der Hoffnung werden zu lassen.

Die Spannung der kleinen Unterschiede, das Spiel zwischen Material und Gestaltung macht auch den Reiz des Dokumentarischen aus. So in Jürgen Böttchers preisgekröntem "Rangierer" (1984), einem Film, der seinem Sujet nichts hinzufügt außer wohlbedachten Perspektiven und einem Schnittrhythmus, der eine ganze Choreografie der Arbeit komponiert. Dem Maler und Filmemacher Jürgen Böttcher war in Leipzig eine umfassende Retrospektive gewidmet.

An einem berühmten Beispiel thematisiert der niederländische Regisseur Ramón Gieling die Frage nach der Inszenierung der Wirklichkeit. "Die Gefangenen des Luis Buñuel": ein Film über die Hurdes, eine karge Berglandschaft in der westspanischen Extremadura. Und zugleich ein Film über einen anderen Film, der sich mit dieser Landschaft beschäftigte und berühmt wurde: Buñuels "Las Hurdes, Land ohne Brot". Buñuel zeigt die Hurdes als von Kretins und Krüppeln bevölkerte Hölle auf Erden. Gieling reist ihm nach und spricht mit denen, die schon da waren, als Buñuel dort drehte. Die grollen dem Meister, schließlich hat er die Hurdaner in Verruf gebracht. Und sie berichten von den Dreharbeiten, wo es nicht immer ganz so zuging, wie man es bei einem anständigen Dokumentarfilm erwartet. Da war ein angeblich verhungerter Säugling von der Mutter quietschgesund für ein paar Pesetas an das Filmteam ausgeliehen worden. Da wurde ein Schwein aus- und ins Bild gesetzt, um Schmuddel zu assoziieren. Buñuel hat an der Wahrheit ganz schön herumgezimmert.

Immerhin hat er es nicht so weit getrieben wie Eisenstein. Bei dessen Sturm auf das Winterpalais für "Oktober" sollen mehr Menschen ums Leben gekommen sein als bei der Aktion selbst, heißt es in Chris Markers streitbarem und bildermächtigem Medvedkin-Porträt "Der letzte Bolschewik". Der sieben Jahre alte Film ist schon ein Klassiker und immer noch brandaktuell. Und er tut, mit talking heads, Kommentar und Clips, all das, was ein Dokumentarfilm eigentlich nicht tun sollte, das aber verdammt gut. Solange es keine besseren gibt, muss man solche Filme immer wieder zeigen.

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