Dokumentation : Die Begründung der Preisverleihung

Stockholm - Die Schwedische Akademie hat am Donnerstag die Vergabe des Literatur-Nobelpreises 2005 an den britischen Dramatiker Harold Pinter (75) damit begründet, dass Pinter «in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht». Weiter hieß es in der Begründung («Biobibliographische Notiz») der Akademie:

«Harold Pinter wird ganz allgemein als hervorragendster Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingestuft. Seine Stellung als moderner Klassiker wird dadurch veranschaulicht, dass man aus seinem Namen ein Adjektiv gebildet hat, das eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu in Theaterstücken beschreibt, nämlich "pinteresk".

Pinter führte das Theater auf seinen elementaren Ursprung zurück, den geschlossenen Raum und den nicht vorhersagbaren Dialog, wo die Menschen einander ausgeliefert sind und die Verstellung zerfällt. Bei einem Minimum von Intrigen entspringt das Drama dem Machtkampf und Versteckspiel des Wortwechsels. Pinters Dramatik fasste man zunächst als Spielart des absurden Theaters auf, aber man hat sie später zutreffender als "comedy of menace" ("Komödie der Drohung") charakterisiert, ein Genre, in dem uns der Schriftsteller ein Spiel von Dominanz und Unterwerfung abhören lässt, das sich im alltäglichsten Gespräch verbirgt.

Im typischen Pinter-Stück begegnet man Menschen, die sich gegen fremde Manipulationen oder ihre eigenen Triebe dadurch verteidigen, dass sie sich hinter einem reduzierten und kontrollierten Dasein verschanzen. Ein anderes Hauptthema ist Flüchtigkeit und Unfassbarkeit der Vergangenheit.

Man hat behauptet, dass Harold Pinter nach einer ersten Periode des psychologischen Realismus mit Stücken wie Landscape (1967) und Silence (1968) zu einer zweiten, lyrischeren Phase überging sowie danach zu einer dritten, politischen mit One for the Road (1984), Mountain Language (1988), The New World Order (1991) und weiteren Stücken. Aber diese periodische Einteilung scheint vereinfacht und übersieht einige seiner stärksten Texte wie No Man's Land (1974) und Ashes to Ashes (1996).

Ganz im Gegenteil ist die Kontinuität seines Werks bemerkenswert, und seine politischen Themen können als Weiterentwicklung der Analyse des frühen Pinters von Drohung und Willkür aufgefasst werden. Seit 1973 hat sich Pinter neben seiner Schriftstellerei als Vorkämpfer für die Menschenrechte ausgezeichnet. Seine Stellungnahmen wurden oft als kontrovers empfunden. Pinter hat auch Hörspiele und Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben. Zu seinen bekanntesten Filmdrehbüchern gehören The Servant (1963), The Accident (1967), The Go-Between (1971), The French Lieutenant's Woman (1981; nach dem Roman von John Fowles). Er hat auch als Regisseur bahnbrechend gewirkt.» (tso/dpa)

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