Dokumentation : Schönheit und Verbrechen

Während des dritten Reiches befanden sich die Berliner Philharmoniker unter einer Glasglocke, profitierend von dem NS-Gefälligkeitsregime. Wie aus Verdrängung schließlich doch noch Scham wurde, zeigt der Dokumentarfilm "Das Reichsorchester".

Christiane Peitz

Der Gang ist unsicher bei dieser Spurensuche, der Annäherung an alte Männer und ihre Geschichte. Der Geiger Hans Bastiaan ist ein freundlicher Mensch, das Jahrhundert hat ihn gezeichnet, und doch ist sein Gesicht kindlich geblieben. Er plaudert unbekümmert drauf los, manchmal zögert er, sucht nach Worten. Zum Beispiel für seine Erinnerung an die wertvolle Geige, die er sich als Dauerleihgabe aussuchen durfte. Dass sie aus jüdischem Besitz stammte, Raubgut von Mördern war, darüber hat er nicht nachgedacht. Zu Beginn spricht er von der „ Glasglocke“, unter der sich die Philharmoniker von 1933 bis 1945 befanden. Erst als er die Blicke der Passanten beschreibt, als gegen Kriegsende auf Berlins Straßen keine jungen Männer mehr zu sehen waren, schon gar keine mit Geigenkasten unterm Arm – erst da spricht er von Scham.

Am Sonntag feiern die Berliner Philharmoniker ihren 125. Geburtstag. Ja, sie haben von den Nazis profitiert, nachdem die finanziell gebeutelte Orchester-GmbH mit der Unterstellung unter das NS-Propagandaministerium zahlreiche Privilegien erhielt. Die Vorzüge der „Gefälligkeitsdiktatur“ (Götz Aly) im Mikrokosmos: Das NS-Kapitel der Philharmoniker-Saga ist ein Lehrstück über Musik und Politik, über den schmalen Grat zwischen Ahnungslosigkeit und Ignoranz, Eskapismus und Verstrickung. Stramme Nazis wie den Bratscher Wolfram Kleber gab es nur wenige, die meisten Musiker gaben sich apolitisch, waren typische „Mitläufer“.

„Das Reichsorchester“, ein Versuch über das Unbedarfte. In Anlehnung an Misha Asters gleichnamiges Buch konfrontiert der Dokumentarist Enrique Sánchez Lansch („Rhythm Is It!“) Gespräche mit letzten lebenden Zeitzeugen und den (auch schon alt gewordenen) Kindern von Orchestermitgliedern mit teils atemberaubenden Filmdokumenten. Furtwängler! Knappertsbusch! Der blutjunge Celibidache! Goebbels’ Hitler-Geburtstagsrede auf dem Konzertpodium – und die Weltreisen der musikalischen NS-Botschafter mitten im Krieg. Auch eine Art Eroberungsfeldzug.

Klar, die Fakten (keiner der Nichtjuden protestierte gegen den Ausschluss der jüdischen Musiker) kann man auch in Asters Buch nachlesen. Aber der Film macht es sinnfälliger: wegen der Musik, der Gesichter und der bei der Expedition in verschüttete Familiengeschichte ungläubig staunenden Nachgeborenen. Und wegen der Widersprüche, etwa zwischen Goebbels, dem Propagandisten der Unfreiheit, und dem Freiheitsjubel der Leonoren-Ouvertüre. Beethoven, Händel, Bach, Richard Strauss: Noch in den mit Knister-Patina überzogenen Aufnahmen ist das Unbedingte der Interpretationen zu hören. Hoher Herzblutdruck, wenig Pathos. Furtwänglers Schlüsse klingen unwirsch, gehetzt, fast aggressiv. Kunst ist nie unschuldig; das Unrechtsregime und der Krieg, sie sind der Musik eingeprägt.

Hans Bastiaan, der Kronzeuge des Films, ist 96 Jahre alt. Ohne sein sanftes, spätes Erschrecken über die eigene Naivität wäre „Das Reichsorchester“ eine Geschichtsstunde ohne Zentrum, ohne Seele. Warum wird er erst jetzt befragt? Welche anderen NS-Geschichten wurden bis heute zu erfragen versäumt?

Sánchez Lansch setzt das Puzzlebild von Schönheit und Verbrechen, Schuld und Scham präzise und besonnen zusammen. Eine Frage der Haltung: Er schließt mit den Emigranten. Die Philharmoniker gaben ihr erstes Nachkriegskonzert am 16. Mai, acht Tage nach der Stunde Null. Der von den Nazis vertriebene Konzertmeister Szymon Goldberg ist nie wieder in Deutschland aufgetreten.

Premiere heute im Cinema Paris, 20.30 Uhr (ausverkauft). Ab Donnerstag im Cinema Paris, Filmkunst 66, Hackesche Höfe. Gezeigt wird der Film auch beim Jubiläums-Musikfest am Sonntag, den 4. November, um 11 Uhr im Kammermusiksaal.

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