Dokumentation über KZ Bergen-Belsen : "Das hier habt ihr zu verantworten"

Es gibt die ganz harten Szenen mit Körperbergen, Männern der Totenkopf-SS, minutenlang: Die Dokumentation "German Concentration Camps Factual Survey" zur Befreiung des KZ Bergen-Belsen ist schwer auszuhalten. Nach 69 Jahren wird sie nun uraufgeführt. Das es so lange dauerte, hat seine Gründe.

von
Alliierte Soldaten in Bergen-Belsen: Das Grauen festhalten Foto: IWM FLM 1232, Imperial War Museums
Alliierte Soldaten in Bergen-Belsen: Das Grauen festhaltenFoto: IWM FLM 1232, Imperial War Museums

Am wenigsten auszuhalten sind die Szenen, in denen Männer der Totenkopf-SS Leichen begraben. Sie tun das nicht freiwillig, die Briten zwingen sie dazu, nachdem diese im April 1945 das KZ Bergen-Belsen befreit und Körperberge entdeckt haben. Um eine Fleckfieberepidemie zu bekämpfen, müssen die Toten unter die Erde gebracht werden, in einem eilig ausgehobenen, schwimmbadbeckengroßen Massengrab. Man sieht den Tätern keine Reue an, eher Widerwillen ob der körperlichen Arbeit. Manche schleifen die Leichen hinter sich her, mit Gesicht nach unten über den sandigen Boden, lassen sie dann in die Grube plumpsen, als wären es Kartoffelsäcke. Andere trampeln auf den ausgezehrten Körpern herum. Minutenlang geht das so, am Ende liegen 5000 Leichen in der Grube. Zeit, nebenan das nächste Loch zu buddeln. Es gibt noch so viel mehr Tote.

Die Aufnahmen stammen von Kameramännern der britischen Armee. Deren Aufgabe war es, das systematische Grauen festzuhalten, um später, nach dem absehbaren Sieg über Nazi- Deutschland, dem Tätervolk zeigen zu können: Das hier habt ihr zu verantworten. Ein Film in Feature-Länge sollte entstehen, ein Dokument des Leids der Opfer, eine Warnung für die Zukunft, vor allem ein Beweismittel gegen alle, die später Wahrheiten anzweifeln würden. Eine Reihe britischer und US-amerikanischer Filmemacher, darunter auch Alfred Hitchcock, wollten sich an der Entstehung beteiligen.

Es hat 69 Jahre gedauert, bis der Film fertig wurde. „German Concentration Camps Factual Survey“ wird an diesem Dienstagabend im Arsenal gezeigt, zuvor läuft mit „Night Will Fall“ eine Dokumentation der Entstehungsgeschichte im Haus der Berliner Festspiele.

Alfred Hitchcock war zwischenzeitlich an der Doku beteiligt

Dass der Film nicht direkt realisiert wurde, hatte politische Gründe. Das britische Informationsministerium, zunächst Triebkraft des Projekts, hielt die unmittelbare Nachkriegszeit für den falschen Zeitpunkt, um ein derartiges Werk zu veröffentlichen. Denn der ursprüngliche Gedanke einer Umerziehung der deutschen Bevölkerung war bald einer ganz anderen Stoßrichtung gewichen. Die Westalliierten brauchten Verbündete gegen die Sowjetunion. Demoralisierung durch Vorhaltung schien da kontraproduktiv. Der bereits vorhandene Rohschnitt und die zu unterlegenden Texte der Off-Stimme verschwanden daher zunächst im Archiv des Londoner Imperial War Museums. 1984 wurden Teile schon einmal auf der Berlinale gezeigt. Bereits damals, erinnern sich Museums-Mitarbeiter, habe eine Publikumsreaktion dominiert – das Unverständnis darüber, warum dieser Film erst jetzt gezeigt werde.

30 Jahre später hat sich daran wenig geändert. Auch wenn einzelne Szenen in anderen Dokus benutzt wurden, also zum Kanon der KZ-Befreiungsbilder gehören: Die geballte, unmittelbare Darstellung der barbarischen Zustände hätte es einigen Deutschen ganz sicher schwer gemacht, ihre Lebenslügen aufrechtzuerhalten. Neben Leichenbergen, aus denen seltsam verrenkte Körperteile hervorragen, haben die Kameras auch Überlebende gefilmt: Gefolterte, Entstellte, mit Narben Überzogene und an Typhus Erkrankte. Manche sind vom Hunger so ausgezehrt, dass der Zuschauer nur an den Augenbewegungen erkennen kann, wer hier noch lebt.

Bei der Teilvorführung 1984 wurde der Film noch als Hitchcock-Werk ausgegeben. Das ist nun nicht mehr so. Belegt ist lediglich, dass Hitchcock eine gewisse Zeit Teil des Projekts war. Produzent Sidney Bernstein nannte ihn zu Beginn noch „Regisseur“, später bloß „einen, der bei der Verdichtung des Materials geholfen hat“. Ein Großteil des Lobs dürfte ohnehin den Kameramännern gebühren. Sie filmten ohne Anweisung, instinktiv. Herausgekommen sind so starke Bilder, dass die allermeisten Szenen am Stück gezeigt werden. Es waren kaum Schnitte nötig.
„Night Will Fall“: 11.2., 15 Uhr (HdBF); „German Concentration Camps Factual Survey“: 11.2., 20.15 Uhr (Arsenal)

Autor

17 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben