Dokumentationsarbeit im Forum : Die Rolle der Revolution

Proteste in Argentinien, Kolonialkrieg in Guinea-Bissau, Streiks im Libanon und der Widerstandskampf in Palästina: Wie Filme im Forum versuchen, Dokumente von Volksaufständen zu retten.

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Ein Bild aus der Anfangssequenz von „Off Frame AKA Revolution Until Victory“.
Ein Bild aus der Anfangssequenz von „Off Frame AKA Revolution Until Victory“.Foto: © Mohanad Yaqubi

Die Proteste junger Argentinier gegen die Militärdiktatur, der Kolonialkrieg in Guinea-Bissau, die Streiks in libanesischen Fabriken und der palästinensische Widerstandskampf – so unterschiedlich ihre Umstände, Verläufe und Erfolge auch waren, verfolgten diese revolutionären Bewegungen in den Sechziger- und Siebzigerjahren doch im Kern dieselben Ziele: Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit.

Und noch etwas verbindet sie: Alle sind filmisch dokumentiert, teils von innen, teils von außen, teils fiktionalisiert in zeitgenössischen Spielfilmen. Der Zustand dieser Dokumente aber ist prekär, sie sind von Vergessenheit und physischer Zersetzung bedroht. Im Forum sind nun vier Filme zu sehen, die das gefährdete Material aus der Versenkung heben, sichern und erschließen.

Manche Aufnahmen sind bis zur Unkenntlichkeit beschädigt

Jemand sitzt an einem Schneidetisch, legt eine Filmrolle ein, spult hin und her, macht sich Notizen: die Anfangssequenz von „Off Frame AKA Revolution Until Victory“ (Forum Expanded) zeigt, wie die Arbeit an diesen Filmen zu einem großen Teil ausgesehen haben mag. Sie versuchen nicht, das gefundene Material in eine kohärente Form zu bringen. Stattdessen machen sie das Prozesshafte, das Sichten und Suchen sichtbar. Dazu gehört auch, dass sie den Zustand, in dem das Material vorgefunden wurde, nicht verhehlen.

Manche der in „Spell Reel“ verwendeten Archivaufnahmen sind bis zur Unkenntlichkeit beschädigt. Es sind Dokumente aus dem Unabhängigkeitskampf gegen die portugiesische Kolonialherrschaft in Guinea-Bissau, in dem das guerilla filmmaking mit dem guerilla fighting Hand in Hand ging – und nicht minder gefährlich war. So erzählt es der Filmemacher Sana na N'Hada, der in den von der Regisseurin Filipa César gedrehten aktuellen Passagen mit den geretteten Filmdokumenten durchs Land reist, Vorführungen kommentiert und mit Zuschauern spricht.

Mohanad Yaqubi kompilliert Material von der Filmabteilung der PLO

Militärischer Drill, Druck von Flugblättern, Indoktrination an Schulen – die revolutionären Praktiken, die „Off Frame“ dokumentiert, gleichen jenen aus „Spell Reel“ - und erzielen doch eine völlig andere Wirkung. Für „Off Frame“ hat Mohanad Yaqubi, Dozent an der Kunsthochschule Ramallah, Material kompiliert, das von der Filmabteilung der PLO mit dem Ziel hergestellt wurde, eine palästinensische Identität zu erschaffen.

Wohl um einen unbefangenen Blick auf die Bilder zu ermöglichen, verzichtet Yaqubi auf Kommentare und Kontextualisierungen. Weil es sich hier allerdings um Propagandamaterial handelt, erweist sich das scheinbar neutrale Format des Found-Footage-Films jedoch als hochgradig problematisch. Im Anschluss an die Vorführungen dürfte mit kontroversen Diskussionen zu rechnen sein.

„Cuatreros“ ist eine radikal subjektive Dokumentation des Suchen und Scheiterns

Einen gegensätzlichen, nämlich höchst reflexiven und radikal subjektiven Zugang wählt Albertina Carri in „Cuatreros“. Darin geht es um den Gangster Isidro Velázquez, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren der argentinischen Staatsgewalt trotzte und von der linken Widerstandsbewegung zu einer Art Robin Hood verklärt wurde.

Anfang der Siebziger wurde ein Spielfilm über ihn gedreht, der jedoch spurlos verschwand, so wie alle, die an ihm beteiligt waren – darunter der Soziologe Roberto Carri, Autor des Drehbuchs und Vater von Albertina. Als ihr vom Sohn des damals beteiligten, ebenfalls verschwundenen Komponisten ein Drehbuch des verschollenen Films zugespielt wird, beginnt sie mit den Arbeiten an einem eigenen Velázquez-Film.

All dies spielt sich in „Cuatreros“ ausschließlich auf der Tonspur ab – und noch einiges mehr: Die Regisseurin reichert die Schilderung ihrer Arbeit und ihres Scheiterns an dem Projekt nicht nur mit Ausschnitten aus dem Werk ihres Vaters und dem Drehbuch zum verschollenen Film an, sondern auch mit Gedanken zu ihrer Mutterschaft, diversen Briefen und Passagen aus „Huckleberry Finn“, die sie ihrem Kind vorliest. Währenddessen läuft auf der Bildebene eine Split-Screen-Collage aus Werbungen, Heimvideos, Spielfilmen, Nachrichten und Interviews. Was den aus einer Kunstinstallation hervorgegangenen Film so eigenwillig wie einzigartig macht.

Jirmanus Sabas Film über den Libanon zeigt, wie die Geschichte sich wiederholt

Vergleichsweise konventionell nimmt sich daneben „A Feeling Greater Than Love“ aus, in dem die US-Regisseurin Mary Jirmanus Saba einer linken Protestbewegung im Libanon nachspürt. 1972/73 war es in der Schokoladenfabrik Gandour und dem Werk des Tabakmonopolisten Regie zu Streiks gekommen, bei denen vier Arbeiter getötet wurden. Aktivisten, die die Regisseurin für den Film wieder zusammenbringt, erinnern sich an die Proteste als eine Phase ungekannter politischer und konfessioneller Eintracht, in der für einen Augenblick alles möglich schien, bevor das Land kurz darauf im Bürgerkrieg versank und die religiösen Gräben weiter denn je aufgerissen wurden.

Auch Jirmanus Sabas Film ist von hoher Dringlichkeit, scheint sich doch die Geschichte gegenwärtig zu wiederholen: der utopische Moment des Arabischen Frühlings führte zu einer Destabilisierung der Region, und auch im Libanon nehmen die konfessionellen Spannungen bedenklich zu. Wenn die Kommunisten von einst nun diskutieren, woran ihre Revolution damals gescheitert ist, dann geht es auch darum, wie es heute anders, besser, gemacht werden könnte.

„Wir sind gescheitert, weil Marx irrte“, ruft einer der Altaktivisten. Woraufhin eine Texteinblendung umgehend klarstellt: „Dieser Film ist nicht der Auffassung, dass Marx irrte.“ So ist es der jungen Regisseurin – vor einigen Jahren auf dem Talent Campus zu Gast – und ihrem Film vorbehalten, die Flamme der Revolution aus den Archiven in die Gegenwart zu übertragen.

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