Kultur : Domina trifft Tuntenritter

Simone Blattner inszeniert Heinrich von Kleists „Käthchen von Heilbronn“ am Berliner Ensemble

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Zu den lieb gewonnenen Ritualen eines Besuchs im Berliner Ensemble gehört der Kauf eines Programmheftes, denn die Programmhefte des Berliner Ensembles sind die schönsten der Stadt. Sie sind immer schwarz und fast so dick wie Bücher, weil in ihnen nicht nur Texte zum jeweiligen Stück, sondern auch das Stück selbst abgedruckt sind. In weißer Schrift stehen auf dem Cover der Name des Autors, darunter der Titel des Werkes. Unten prangt das Logo des Hauses, Berliner Ensemble, eingefasst von einem weißen Kreis; ganz unten steht die laufende Inszenierungsnummer, hundertundirgendwas. So wie etwa die Bände der Edition Suhrkamp allein durch ihre Gleichförmigkeit Qualität suggerieren, so strahlen BE-Programmhefte Klassizität aus. Man nimmt das Heft in die Hand und hat automatisch teil an der ehrwürdigen Haustradition (die Inszenierungsnummer!) einer dem Ewigen (der Kreis!) verpflichteten Kunst. Ah, denkt man, während die Finger über den Karton streichen. Egal, wie der Abend wird, das Programmbuch kann ich mir schon mal ins Regal stellen. Für später!

Interessanterweise folgen auch viele BE-Inszenierungen dieser Für-später-Logik. Sie sind – wie soll man sagen – weniger der Gegenwart und innerer Kohärenz verpflichtet, konzentrieren sich stattdessen auf Effekte, an die man sich später erinnern können soll. Mehr als um den Erzählfluss geht es um eindrückliche Auftritte Einzelner oder einprägsame Kabarettnummern. Eher gespenstisch ist, dass es dabei kaum eine Rolle spielt, ob Claus Peymann, Philip Tiedemann oder Thomas Langhoff inszenieren. Der Geist des Hauses scheint stärker als jede Handschrift.

Nun zeigt die viel gelobte Regisseurin Simone Blattner, die schon in Zürich, Hamburg und Frankfurt inszeniert hat, mit Kleists „Käthchen von Heilbronn“ ihre erste Arbeit am BE, und es ist erstaunlich, wie sehr auch sie den heimlich wirkenden Rampen- und Überzeichnungsgesetzen des Hauses folgt. Wobei man nicht sicher sagen kann, ob ihre Kleist-Parodie in Wirklichkeit nicht eine Parodie des BE-Stils darstellt. Beides läuft freilich aufs Gleiche hinaus. Die Nacherzählung des stark eingedampften Textes besteht aus Nummern, und zwar aus drei verschiedenen Sorten von Nummern: Aus Ablachnummern (80 Prozent), aus Beeindruckungsnummern (5 Prozent) und aus Nummern, die berühren wollen (rund 15 Prozent).

Das gelungen reduzierte Bühnenbild von Alain Rappaport ist ein schwarzer Raum, der nach hinten ansteigt und sich verjüngt und rechts und links von lamellenartigen Wandabschnitten begrenzt wird, durch die die Schauspieler in unterschiedlicher Raumtiefe auftreten können.

Die Spielfläche wird dadurch in Schichten unterteilt – und aus Schichten besteht auch das Stück. Um die Liebe zwischen Käthchen und ihrem Friedrich Wetter Graf vom Strahl hat Kleist allerhand Ritterromantisches drapiert, Rüstungen und Feuerzauber inklusive. Das war schon zu Kleists Zeiten ein Witz. Und mehr als Karikaturen will Blattner aus dem Beiwerk auch nicht herausholen. Wie Comic-Figurinen tauchen die Ritter und Edeldamen in klirrenden Gewändern auf und drücken auf die Klamauktube. Die Männer trippeln als tuntige Ritter zur Rampe herunter, während aus Lautsprechern das Klappern von Hufen tönt. Ursula Höpfner-Tabori trägt als Kunigunde einen Spitzbrustpanzer- BH und Gothik-Stiefel und gibt die falsche Braut des Grafen als derbe Domina. Damit das Publikum aber nicht glaubt, sich in ein Boulevardtheater verirrt zu haben, gibt es hin und wieder ernst zu nehmende Schauspielkunstauftritte, von denen einer in Erinnerung bleiben wird: Jürgen Holtz als rührend verwunderter Kaiser.

Fehlt nur noch das Herz des Stücks: die traumhafte Liebe zwischen Käthchen und dem Grafen. Dass bei diesen zentralen Nummern der Funke nicht überspringen will, liegt weniger an Laura Tratnik, die dem Käthchen alles süßlich Schwärmerische nimmt und dafür mit Bodenständigkeit herzerfrischend durch die seltsame Handlung tollt. Es liegt an Sabin Tambrea, der sich als Graf offenbar vom Überzeichnungsfuror seiner Kollegen hat anstecken lassen und vor lauter jugendlichem Aufbrausertum den leisen Tönen keine Chance lässt.

Wieder am 30. März, 20 Uhr.

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