Kultur : Dompteur aller Wasserspiele

Große CD-Edition zum 100.Geburtstag des Pianisten Claudio Arrau

Jörg Königsdorf

Im Leben jedes großen Interpreten gibt es ein Werk, in dem sich seine Persönlichkeit kristallisiert, in dem die Bedeutungsschichten der Musik den Charakter und das Kunstwollen des Spielenden bis ins Innerste hinein zu spiegeln scheinen. Die grandseigneurale joie de vivre Artur Rubinsteins etwa tritt dem Hörer nirgends so leuchtend und bezwingend entgegen wie in seinen Einspielungen von Albeniz’ „Navarra“. Vladimir Horowitz’ durch seismografische Überfeinerung erzielte Ekstase lässt sich kaum irgendwo so klar begreifen wie in seinem Carnegie-Hall-Mitschnitt von Skriabins zehnter Sonate.

Für den heute vor 100 Jahren geborenen chilenischen Pianisten Claudio Arrau war dieser Kristallisationspunkt Franz Liszts spätes Klavierstück „Les Jeux d’eaux à la Villa d’Este“. Bereits zu Beginn seiner Karriere in den Zwanzigerjahren spielte Arrau das achtminütige Werk zum ersten Mal ein, noch bei seinem Jubiläumskonzert anlässlich seines 80. Geburtstags nahm er es ins Programm. Es wird die perfekte Überblendung von Virtuosität und Spiritualität gewesen sein, die Arrau immer wieder zu diesem Stück zurückkehren ließ und die er in seinen Einspielungen mustergültig nachvollzog: Stellte der Abbé Liszt den schillernden Klangkaskaden der Jeux d’eaux ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium voran („Aber das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“), ging es auch Arrau Zeit seines Lebens darum, bei seinem Klavierspiel die brillante Fassade des Virtuosen mit metaphysischer Sinnsuche in Einklang zu bringen.

Bereits im Alter von acht Jahren wurde das Wunderkind aus Chillán in die damalige Klavierwelthauptstadt Berlin geschickt und hier bis Kriegsende vom Liszt-Schüler Martin Krause unterrichtet. Bei Krause lernte Arrau freilich nicht nur das Klavierspielen, sondern verinnerlichte auch das Ideal der Liszt-Schule, das im Künstler nicht den brillanten Unterhalter, sondern vor allem den Vermittler humanistischer Botschaften sah. Eine Einstellung, die im Rückblick auch für die Krisen verantwortlich sein mag, unter denen der Pianist im Laufe seiner über 80-jährigen Konzertlaufbahn immer wieder leiden würde: Ende der Zwanzigerjahre, als Arrau sich schon international einen Namen als aufstrebendes Klaviertalent gemacht hatte, begann er mit diesem Erbe des Lisztschen Menschheitspathos zu hadern. Es füllte schließlich die Psychoanalyse, vor allem die Lehre C.G. Jungs, den klaffenden Spalt zwischen dem Idealismus der Kunst des 19. und der Realität des 20. Jahrhunderts.

Mit diesem persönlichen Ausweg wurde Claudio Arrau freilich auch zu einem ersten wichtigen Exponenten des neuen Klavierstils, dessen psychologischer Nachvollzug auf der Basis der Textgenauigkeit den egozentrierten Virtuosenüberschwang abzulösen begann. Eine Entwicklung, die in den Dreißigerjahren von Berlin ausging: Von Artur Schnabels Beethoven-Interpretationen und von Arraus Revision des romantischen Kernrepertoires, vor allem der Werke Robert Schumanns - seine legendäre Einspielung des „Carnaval“ von 1939 etwa ist in ihrem quecksilbrigen inneren Überdruck bis heute unübertroffen.

Die zehn CDs umfassende Jubiläumsedition, die jetzt aus Anlass von Claudio Arraus hundertstem Geburtstag erschienen ist (Universal), umfasst diese ersten Karrierejahrzehnte leider nicht, sondern setzt erst in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ein und zeichnet die zweite Hälfte seiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung nach.

Schon die Chopin- Aufnahmen des Fünfundvierzigjährigen besitzen bei aller Schönheit und Farbigkeit des Tons eine ungewöhnliche auslotende Bedachtsamkeit. Die Vierziger- und Fünfzigerjahre waren die Phase, in der es Claudio Arrau am sichersten gelang, die widerstrebenden Kräfte von Innehalten und Überschwang, von großem Bogen und analytischer Detail-Aufmerksamkeit ins Gleichgewicht zu bringen.

Doch schon Anfang der Sechzigerjahre wird Claudio Arraus Ton zusehends dunkler, die Phrasierung lakonischer, der Gestus zögerlicher, grüblerischer: Das labile Gleichgewicht muss an jedem Abend, in jeder Einspielung neu justiert werden. Seine Aufnahme der „Etudes d’execution transcendante“ von Franz Liszt aus dem Jahr 1976 scheint jeden einzelnen Triller auf die Waagschale der Wahrhaftigkeit zu legen, stellt den Fokus auf eine ungewohnte Tiefenschärfe ein. Zu dieser Zeit wird Claudio Arrau, auch dank der umfangreichen Aufnahmetätigkeit für die Schallplattenfirma Philips, endgültig in die Reihe der ganz Großen gestellt, gilt als Autorität des klassisch-romantischen Repertoires von Johann Sebastian Bach über Ludwig van Beethoven bis Claude Debussy, widmet sich immer stärker auch den von ihm bislang vernachlässigten Mozart und Schubert. Bis in seine letzten, posthum veröffentlichten Aufnahmen setzt sich dieses lebensbestimmende Infragestellen mit einer scheinbar unausweichlichen inneren Konsequenz fort. Eine Suche, der erst der Tod des Pianisten ein Ende machte: Vor zwölf Jahren verstarb Claudio Arrau im Alter von 88 Jahren im österreichischen Städtchen Mürzzuschlag.

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