Kultur : Don DeLillo: Wie es einmal gewesen sein wird

Bruno Preisendörfer

Das Leben hat einen Anfang, dann dauert es eine Weile, und dann kommt der Schluss. Auch Romane haben einen Anfang, dauern eine Weile, dann ist Schluss. Der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo wird gerne als "Chronist" bezeichnet, als ein Autor, der Lebens- und Weltgeschichte literarisch ineinander schießen lässt. In "Sieben Sekunden", dem Roman über die Ermordung John F. Kennedys, ist das sogar wörtlich zu nehmen.

In seinem grandiosen Epos "Unterwelt" wiederum wird eine mythomanische und von Paranoia durchzitterte Geschichte des Kalten Krieges geschrieben, durch die ein viel begehrter Baseball aus einem Spiel von kultischer Berühmtheit wandert. Beide Romane Don DeLillos erzeugen mit erzählerischen Mitteln geschichtliche Räume, was auch für "Mao II" oder "Weißes Rauschen" zutrifft.

DeLillos neuer Roman "Körperzeit" verfährt völlig anders. Die Zeit soll sich nicht im unvermeidlichen Nach und Nach des Lebens oder im ebenso unvermeidlichen Dann und Dann des Romans entfalten, sondern in schlagartiger Präsenz ganz plötzlich einfach da sein. Im Leben lässt sich das manchmal körperlich erfahren, im Roman kann es nur simuliert werden. Eben darum geht es in "Körperzeit" - ein kleines Buch für Don-DeLillo-Maßstäbe, aber gemessen an Autoren geringeren Ranges immer noch groß genug.

Der erfüllte Augenblick

Aber von vorne: "Die Zeit scheint zu vergehen. Die Welt geschieht, entrollt sich zu Augenblicken, und du hältst inne, betrachtest eine Spinne in ihrem Netz. Das Licht ist hellwach, die Konturen der Dinge sind wie gestochen, und auf der Bucht liegen funkelnde Bänder. Du weißt besser, wer du bist, am kraftvoll strahlenden Tag nach dem Sturm, wenn noch das kleinste fallende Blatt von Selbstgewissheit durchbohrt ist." So beginnt DeLillos nur 140 Seiten dauerndes Kammerstück, das Zeit als körperliche Dimension des Seins auffasst: "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind keine ausschließlichen Vorzüge der Sprache. Die Zeit entfaltet sich in die Fugen des Daseins hinein. Geht durch dich hindurch, formt und gestaltet."

Der Höhepunkt des Daseins ist die Präsenz, was viel mehr meint als Aufmerksamkeit oder Gegenwärtigkeit. Es geht um Anwesenheit, um das Auskosten dessen, was unsere Sprache in ihrer manchmal erstaunlich präzisen Körpermetaphorik den "Augenblick" nennt. Einen solchen erfüllten Augenblick erlebt die Hauptfigur, die Performance-Künstlerin Lauren Hartke, am Schluss des Textes. Sie betritt ein Zimmer, um wie in einer Schleife zurück in eine längst vergangene Gegenwart zu sehen, wie ihr Mann auf dem Bett sitzt und raucht. Aber ihr Mann ist tot, das Zimmer ist leer. Sie öffnet das Fenster. Dann, plötzlich, wird sie erfüllt von Präsenz: "Sie trat ins Zimmer und ans Fenster. Sie öffnete es. Sie riss es auf. Sie wusste nicht, warum sie das tat. Dann wusste sie es. Sie wollte den Biss des Meeres auf ihrem Gesicht spüren, den Fluss der Zeit in ihrem Körper, um zu erfahren, wer sie war." Ende des Textes.

Das geheimnisvolle Geräusch

Der erzählerische Trick, mit dem DeLillo in diesem Roman Vergangenes noch einmal präsent macht, scheint literarisch recht simpel konstruiert, beweist seine Raffinesse aber nach und nach mit der Effizienz seiner Wirkung. Lauren Hartke, Mitte Dreißig, hört in dem Haus, in dem sie die wenigen Monate ihrer sehr kurzen Ehe mit dem annähernd drei Jahrzehnte älteren Filmregisseur Rey Robles verbracht hat, merkwürdige Geräusche. Sie hört dieses Geräusch schon zu Lebzeiten ihres Mannes, auch während des gemeinsamen Frühstücks am Anfang des Buches, bevor Rey nach New York fährt, um sich im Wohnzimmer seiner ersten Frau eine Kugel in den Kopf zu schießen.

Nach Reys Tod verkörpert sich seine Stimme. Wortwörtlich und tatsächlich. Hinter dem geheimnisvollen Geräusch kommt eine Art Kindmann undefinierbaren Alters zum Vorschein, der sich in dem großen Haus versteckt hielt. Zunächst gelingt es Lauren nicht, mit dem geistig und sozial zurückgebliebenen Mann sprachlichen Kontakt aufzunehmen. Aber nach einigen Tagen, sie hat beschlossen, ihn im Haus zu behalten, beginnt er plötzlich zu sprechen. Und zwar mit der Stimme von Rey. Er spricht, wie Rey gesprochen hat. Und er sagt das, was Rey gesagt hat, als er noch lebte, als er mit ihr an seiner Autobiografie arbeitete, ganze Passagen auf einen Kassettenrecorder sprechend. Lauren hört das Band mit den Sätzen von Rey ab, und sie hört Reys Sätze aus dem Mund des seltsamen Besuchers, den sie Mr. Tuttle tauft. Aber auch ihre eigenen Worte bekommt sie von Tuttle zu hören. Was sie zu Rey gesagt hat und wie sie es zu Rey gesagt hat - es verkörpert sich erneut in der Echostimme ihres Gastes, von dessen Herkunft und Geschichte sie absolut nichts weiß.

Eines Tages verschwindet Tuttle. Und sie selbst spricht auf einmal mit seiner Stimme, sie spricht, wie Tuttle sie gesprochen hat. An dieser Stelle unterbricht DeLillo die Kapitelfolge, um die von Lauren später aufgeführte Performance zu schildern. Das Stück heißt "Körperzeit", und die Künstlerin inszeniert dort noch einmal das Weghobeln, Abraspeln, Abschütteln des eigenen Körpers, das sie in den Wochen nach Reys Tod trainiert.

Die zweite Zukunft

Vom Titel dieses Stückes ist der deutsche Romantitel abgeleitet. Der amerikanische Originaltitel "The Body Artist" hätte als "Die Körperkünstlerin" auf dem deutschsprachigen Markt, auf dem es von "Die Geigerin", "Die Seidenmalerin" und dergleichen In-Titeln nur so wimmelt, tatsächlich in die Irre geführt.

Nach dem Exkurs über die Performance folgt das abschließende siebte Kapitel. Lauren ist in das Haus zurückgekehrt. Eines Tages hört sie wieder das Geräusch. Sie geht zu dem Zimmer. Rey sitzt trotz ihrer starken Erwartung nicht wie schon einmal auf der Bettkante und raucht. Aber erfüllt von der Zeitform "Zweite Zukunft" spürt sie, wie es einmal gewesen sein wird. Dann öffnet sie das Fenster.

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