Don DeLillo zum 80. Geburtstag : Im Schaltkreis der Träume

Der Terror, die Medien, der Tod - und sein neuer Roman "Zero K": Zum 80. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo.

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Bilderzeuger und Prophet: Der New York Schriftsteller Don DeLillo, 1936 in der Bronx geboren.
Bilderzeuger und Prophet: Der New York Schriftsteller Don DeLillo, 1936 in der Bronx geboren.Foto: imago/Leemage

Es war das Jahr 1991, als Don DeLillos Roman „Mao II“ veröffentlicht wurde. Held dieses Romans ist der Schriftsteller Bill Gray, der vom Terrorismus fasziniert ist, überhaupt von der Gewalt, gegen die die Sprache so machtlos zu sein scheint, und der zu einer Fotografin Sätze wie diese sagt: „Romanschreiber und Terroristen verbindet ein seltsames Band. (...) Vor Jahren habe ich es noch für möglich gehalten, dass ein Schriftsteller das Wesen der Kultur verändern könne. Jetzt haben Bombenbastler und Schießwütige dieses Territorium besetzt. Sie überfallen das menschliche Bewusstsein.“

Zehn Jahre später steuerten Terroristen zwei Flugzeuge in das World Trade Center und legten es in Schutt und Asche. Und noch einmal anderthalb Jahrzehnte später ist der Terror fester denn je im Bewusstsein eines jeden Menschen verankert. In jedem Fall um einiges mehr als die Erzeugnisse von Schriftstellern, könnte man sagen.

Ob es dem 1936 in der New Yorker Bronx als Sohn italienischer Einwanderer geborenem Schriftsteller Don DeLillo gefällt, das alles damals geahnt und zu Papier gebracht zu haben? DeLillo ist jemand, der in der Lage ist, unpeinlich prophetische Sätze und Romane zu schreiben, einfach weil diese später ihre fatale Gültigkeit bekommen. Das war 1976 schon so, als er mit dem Werber- und Roadroman „Americana“ debütierte und seine sich in den Weiten Amerikas und in den Weiten der alles umfassenden Werbung verlierende Hauptfigur konstatiert: „Sämtliche Impulse sämtlicher Medien wurden in die Schaltkreise meiner Träume eingespeist.“

Verschwörungstheorien, politische Konflikte, technische und soziale Gewalt.

Don DeLillo, der am heutigen Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, ist gleichermaßen Deuter der US-Medien- und Popkultur, mitsamt ihren angeschlossenen klassischen Künsten, wie ihr Totengräber. In seinen Romanen wimmelt es von Verschwörungstheorien, politischen Konflikten und technischer wie sozialer Gewalt. Sie künden vom Ende aller Utopien, von Menschheitsdämmerungen, dem Ende der Welt, wie wir sie kennen – und sie enthalten viele düster-existentialistische Meditationen, viele Bilder und nicht ganz so viel Handlung. „Jeder will das Ende der Welt in der Hand haben“, so beginnt DeLillos jüngster, vor ein paar Wochen veröffentlichter Roman „Null K“.

Allerdings geht es in diesem Fall um das ganz individuelle Lebensende. Der Multimillionär Ross Lockhart, der diesen Satz sagt, plant, seine todkranke zweite Ehefrau und womöglich sich selbst gleich mit einfrieren zu lassen. Um dann, wenn Medizin und Technik so weit sind, Geist und Körper wiederherzustellen, weiterzuleben und das Ende eben selbst bestimmen zu können. „Wiedergeboren werden in eine tiefere und wahrere Wirklichkeit. Linien aus strahlendem Licht, jedes Stück Materie in seiner Gänze, ein heiliger Gegenstand.“ Dafür hat Lockhart sich am Ende der Welt, irgendwo in Kasachstan, einen riesigen Gebäudekomplex errichten lassen, „die Konvergenz“ genannt, mitsamt einem unterirdischen Labor, in dem die „Kryonische Konservierung“ vorgenommen wird.

Hier besucht ihn nun sein Sohn Jeffrey, der Ich-Erzähler von „Zero K“. Jeffrey ist skeptisch, „vielleicht bin ich nicht visionär genug. Unzulänglich für diese Erfahrung.“ Er wandert durch die „Konvergenz“-Räume und -Gänge, trifft seltsam sendungsbewusste Frauen, Mönche und Spin-Doktoren – und durchsetzt dann diese allein auf die Zukunft ausgerichtete Gegenwart mit Erinnerungen an die eigene Jugend, seine leibliche Mutter, die erste Frau von Ross Lockhart, an sein Leben in New York.

Seine stringentesten Romane: "Libra: Sieben Sekunden", "Unterwelt" und "Falling Man"

Womöglich ist DeLillo mit seinem neuen Roman einmal mehr näher an einer Zukunft, die sich vorzustellen schwerfällt; einer Zukunft, in der der Tod nur ein Zwischenstadium auf dem Weg zur Unsterblichkeit ist. Doch im Hier und Jetzt, auf einer rein handwerklichen literarischen Ebene wollen viele Stränge in „Zero K“ sich nicht zusammenfügen: nicht die Vater-Sohn-Geschichte, die eine lediglich behauptete ist, nicht die raunenden Sentenzen von Lockharts kurz vor ihrer Kryonierung stehenden Frau im Mittelteil („Ich glaube, ich bin jemand. Was heißt das, zu sein wer ich bin?“), nicht die New Yorker Szenen mit Figuren wie Jeffreys Freundin Emma und ihrem Adoptivsohn aus der Ukraine.

Doch ist DeLillo eben noch nie ein Geschichtenerzähler gewesen, selbst nicht in seinen stringentesten Romanen wie dem Mord-an-John-F.-Kennedy-Opus „Libra: Sieben Sekunden“, dem ein ganzes Jahrhundert umspannenden Großwerk „Unterwelt“ oder dem 9/11-Roman „Falling Man“ (letzterer erschien übrigens sechs Jahre nach den Anschlägen). Nein, DeLillo ist primär ein Bilderzeuger, ein Skultpurerschaffer, aus Worten, versteht sich, stets aufs Neue versucht er, „ein Stilleben zu schaffen, das lebt, nicht gemalt ist", wie es einmal eine Figur in seinem Roman „Körperzeit“ gesagt hat.

So reist man auch in „Zero K“ in eine Bilderwelt: in steinerne Räume, deren Wände mit juwelenbesetzten Schädeln geschmückt sind, in lange Gänge, die den Erzähler in Krankenzimmer, ummauerte Gärten oder einfach ins Nichts führen, in Gebäude, in denen überall Bildschirme hängen, über die wiederum Bilder von Kriegen, Naturkatastrophen und deren Folgen flimmern.

Begleitet werden diese Bilder von klaren, schönen und manchmal eben visionären Sätzen, manchmal aber auch von unscharfen, nur schwer zu verstehenden oder solchen, die zunächst wie der reine Quatsch anmuten: „Ich mache es mir im langen, weichen Leben bequem, das ist mein Gefühl, und die einzige Frage lautet, wie tödlich es am Ende sein wird.“ Aber wer weiß? Don DeLillo ist alles zuzutrauen. Vielleicht gibt es wirklich bald einen Tod, der nicht den Tod bedeutet.

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