• "Don Giovanni": Widerstand zwecklos. Daniel Hardings sensationelle Aufführung aus Aix-en-Provence ist endlich auf CD zu haben

Kultur : "Don Giovanni": Widerstand zwecklos. Daniel Hardings sensationelle Aufführung aus Aix-en-Provence ist endlich auf CD zu haben

Frederik Hanssen

Nehmen wir mal an, Don Giovanni habe ungefähr mit 14 Jahren begonnen, seinem Sexualtrieb nachzugeben. Rechnen wir - nur sicherheitshalber, damit niemand sagen kann, hier würde mit unrealistischen Zahlen jongliert - damit, dass der wilde Lüstling, dem der Genuss der Liebe unverzichtbarer ist als das Atmen und sein täglich Brot, seitdem rund 200 Frauen pro Jahr "vernascht" hat. Dann ist der spanische Edelmann zu dem Zeitpunkt, da er des nachts über seine donna numero 2063, die ahnungslose Anna, herfällt, gerade erst 25 Jahre alt! Es geht also bei Mozart um Twens - eine Tatsache, die bei "Don Giovanni"-Aufführungen an Staatstheatern oft in Vergessenheit gerät.

Da springt der Puls aus dem Rhythmus

Wie die Geschichte vom dissoluto punito, vom bestraften Liederjahn, klingen kann, wenn auf der Bühne tatsächlich junge Menschen agieren und dazu ein 24-jähriger Dirigent im Orchestergraben waltet, kann man jetzt auf einem Mitschnitt des Festivals von Aix-en-Provence erleben. Daniel Harding, frühreifer Schüler von Simon Rattle und Claudio Abbado, verbindet in seiner Interpretation die Vorteile beider Lehrmeister mit dem Feuer seiner Jugend.

Schon in der Ouvertüre will man seinen Ohren kaum trauen: Nach den Unheil verkündenden Tutti-Schlägen des Anfangs glaubt man sich im Körper eines angstgeschüttelten Menschen wiederzufinden. Das zittert und zagt, ein kalter Schauer nach dem anderen durchfährt die Stimmgruppen, der Puls gerät aus dem Rhythmus. Schmort da Don Giovanni bereits im Fegefeuer? Dann gleitet die Musik über in glanzvolles Dur - amor vincit omnia! - und bleibt doch immer auf der Hut: Horcht hin, was da jetzt gleich passiert!

Daniel Harding gehört zu der Generation junger Kapellmeister, die sich von den Errungenschaften der "Originalklangbewegung" inspirieren lassen, ohne deshalb gleich zum Alte-Musik-Jünger zu werden. Für seinen Mozart-Sound kombiniert er moderne Streicher und Holzbläser mit alten Blechbläsern und Pauken. Weil außerdem die Violin-Gruppe sehr klein besetzt ist, kann sich jedes Instrument problemlos Gehör verschaffen, bleiben die individuellen Klangfarben auch im Tutti stets präsent. Mag manchem der minimalistische Streicherklang beim ersten Hören auch etwas magersüchtig vorkommen - der Gestaltungsspielraum, den Harding durch diese Besetzung gewinnt, lässt die Bedenken schnell verstummen. Denn er hat in den Musikern des exzellenten Mahler Chamber Orchestra ideale Musizierpartner gefunden, die genauso viel Spaß an der Detailarbeit haben wie er - und die nötige Virtuosität dazu.

Man vermeint, jeden Seufzer, jeden Schrei, jedes Zittern der Figuren im Orchester wiederzuhören - so differenziert ist die Artikulation der einzelnen Stimmen, so "sprechend" die Phrasierung. Noch die simpelsten Begleitfloskeln modelliert Harding mit dem Raffinement eines Rokoko-Stuckateurs. Wer so genau arbeitet, kann sich manches erlauben. Extrem rasante Tempi beispielsweise: Weil sie leichtfüßig daherkommen, als könne es gar nicht anders sein.

Das Größte aber sind die leisen Töne, sind die Pianissimo-Stellen, die sich - weit entfernt von jedem Manierismus - aus Daniel Hardings genauer Textdeutung geradezu zwingend ergeben: Wann hat man den Dialog zwischen Giovanni und Leporello nach dem Mord an Donna Annas Vater jemals so spannend flüstern gehört? Der Diener fragt mit erstickter Stimme aus seinem Versteck: "Wer ist tot - Ihr oder der Alte?", und Giovanni fährt ihm im selben Tonfall über den Mund - halb überrascht noch, halb entsetzt über seine eigenen Tat. Das ist nicht die Stimme eines Totschlägers, sondern eines Schuldbewussten - allerdings mit mäßig funktionierendem Langzeitgedächtnis.

Überhaupt, die Rezitative! Die sind echtes recitar cantando, singendes Sprechen, und so fein ausgestaltet, dass selbst dem Sprachunkundigen keine Nuance des großartigen Textes entgehen dürfte. Vor allem der Titelheld und sein Diener kommunizieren dabei auf einer Ebene der Vertrautheit, die absolut packend ist. Hier ist die Hand von Peter Brook zu spüren, die Hand eines Schauspielregisseurs, der nicht einsieht, warum Operndialoge immer nach aufgesagten Gedichten klingen müssen.

Der Titelheld und sein Diener sind nicht nur unzertrennlich, sondern auch ein symbiotisches Paar - dass hat schon Mozart durch die Wahl der Stimmcharaktere klar gemacht: Da steht nicht ein Tenor gegen einen Bass, sondern zwei Baritone stehen sich gegenüber, wenn auch auf verschiedenen Gesellschaftsstufen. Die Produktion von Aix besticht durch perfektes Vokal-Casting: Gilles Cachemaille bleibt als Lakai stets einen Hauch bodenständiger, proletarischer als Peter Matteis Don Giovanni.

Giovanni als vokales Chamäleon

Und noch etwas hat dieser Edelmann seinem Diener voraus: den Sex-Appeal. Wie Peter Mattei Zerlina umgarnt, wie er die Serenade unterm Fester von Elviras Zofe singt, ist schlicht sensationell. Sinnlicher, erotisierender kann ein Don Giovanni gar nicht klingen. Wie die Frauen wechselt Peter Mattei auch seine Stimmfärbungen: so süß er in Anwesenheit der Damen flötet, so chevaleresk-weltläufig gibt er sich im Umgang mit den anderen Adligen, so kraftprotzendmaßlos geriert er sich noch im Angesicht des Todes. Ein vokales Chamäleon, getarnt als Wolf im Schafspelz.

Kein Wunder, dass Mark Padmores Don Ottavio, dieses allerliebst tenorierende Porzellanpüppchen, auf ihn hereinfällt. Kein Wunder auch, dass die Frauen reihenweise einknicken: Lisa Larsson alias Zerlina mit ihrer honigsüßen Naivität, die von emotionalem Überdruck getriebene Elvira der Véronique Gens und selbst Carmela Remigio, diese zarte Donna Anna mit dem schlanken Sopran, die im Laufe des Stücks vom gutgläubigen Backfisch zur desillusionierten jungen Frau reift. Gegen diesen Giovanni ist einfach kein Kraut gewachsen. Versuchen Sie gar nicht erst, ihm im Schallplattenladen zu widerstehen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar