Donald Judd : Leben im Rechteck

Vom Refugium zum Sammlermuseum: In der texanischen Wüste wird das künstlerische Erbe von Donald Judd gehütet. Ihm war die perfekte Symbiose von Kunstwerk und Aufstellungsort ein Hauptanliegen.

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Schönheit der Symmetrie. Blick in die „Artilleriehalle“ der Chinati Foundation mit Judds 100 Quadern.
Schönheit der Symmetrie. Blick in die „Artilleriehalle“ der Chinati Foundation mit Judds 100 Quadern.Foto: Douglas Tuck / VG Bild-Kunst, Bonn

Auf der Weihnachtskarte der Kunsthalle Bielefeld ritt Direktor Thomas Kellein als Cowboy gen Amerika. Im Januar nun ist Kellein dort angekommen, wo er hinwollte: in Marfa im äußersten Westen von Texas, zehn Autostunden von den Landesmetropolen Dallas oder Houston entfernt. Die Berufung des umtriebigen Museumsmannes, der in den 14 Jahren seiner Bielefelder Tätigkeit die Besucherzahl des Hauses verdoppelte, markiert einen Einschnitt in der noch jungen Geschichte von Marfa als Kunstort. Die texanische Kleinstadt mit ihren knapp 2000 Einwohnern war ab 1973 der Wohn-, Arbeits- und vor allem Ausstellungsort von Donald Judd, dem 1928 im Mittleren Westen der USA geborenen Mitschöpfer und Großmeister der Minimal Art. New York, wo seine Laufbahn begonnen hatte, hielt er zunehmend für einen unerträglichen Ort, obgleich ihm dort, im für lächerliche 70 000 Dollar erworbenen Eckhaus in SoHo, vergleichsweise ideale Arbeits- und Ausstellungsbedingungen auf immerhin vier Etagen der ehemaligen Manufaktur zur Verfügung standen.

Donald Judd entdeckte Marfa für sich. Nichts zeichnete das längst im Niedergang befindliche Städtchen aus – außer einem leer stehenden Militärcamp, das aus bald drei Dutzend Baracken und Leichtbauhallen bestand. Judd mietete erst zwei Hangars im Ort, dann begann er, alimentiert von der Dia Art Foundation in New York, das Militärlager am Rand des Ortes aufzukaufen. Die Dia-Stiftung ermöglichte in den siebziger Jahren zahlreichen Künstlern der Minimal und Concept Art, ihre Vorhaben zu verwirklichen. Sie wurde ihrerseits finanziert von Philippa de Menil, die mit dem Münchner Galeristen-Pionier der Minimal Art, Heiner Friedrich, verheiratet war. Von Dia gefördert zu sein, galt und gilt als Qualitätsbeweis für eine Kunst, die in ihrer Zurücksetzung des eigenhändig geschaffenen Werks und stattdessen der Bevorzugung des gedanklichen Konzepts lange Zeit für Händler und Sammler nur mit Mühen zu bewerten und an den Sammler zu bringen war.

Das ist längst vorbei, umso mehr, als Judd 1994 nach kurzer Krankheit verstarb und zwei Jahre darauf auch Dan Flavin, einer seiner engsten Freunde und Kollegen. Zwar wurden mehrere Vorhaben Judds in Marfa erst nach seinem Tod ausgeführt, doch kommen neue Arbeiten naturgemäß nicht mehr auf den Markt. Inzwischen erreicht das Rekord-Auktionsergebnis beinahe die Schallmauer von zehn Millionen Dollar für ein „Objekt“, wie Judd seine skulpturalen Arbeiten bezeichnete. Sechsstellige Summen für museums- und sammlungsgängige Arbeiten sind die Regel.

In Marfa übernimmt Kellein (55) ein von Marianne Stockebrand, Judds Lebensgefährtin und von ihm eingesetzte Direktorin der Chinati Foundation des Künstlers, hervorragend komplettiertes Ensemble von Gebäuden zur Ausstellung von Werken Judds und seiner Mitstreiter Flavin und John Chamberlain, aber auch einem knappen Dutzend weiterer Künstler. Darunter ist eine der anspielungsreichen Rauminstallationen des russischen Konzeptkünstlers Ilya Kabakov, die in ihrem erzählerischen Charakter das glatte Gegenteil von Judds Haltung markiert. Marfa, mit anderen Worten, ist ein Künstlermuseum, aber zugleich auch ein Sammlermuseum geworden und zeigt damit Eigenschaften, die Judd an den New Yorker Museen unbarmherzig kritisiert hatte, jenen Stätten „faulen Zaubers“, in denen er Kunst zur bloßen „Merkwürdigkeit“ herabgesetzt fand. Im seit 1986 öffentlich zugänglichen Marfa werden Touren angeboten, mit zweistündiger Mittagspause, um die Fülle der Künstler-Baracken einigermaßen zu bewältigen. Eine Voranmeldung ist in der Hauptreisezeit zwischen Winter und Frühling, wenn die Temperaturen in der Chihuahua-Wüste erträglich sind, dringend angeraten.

13000 Besucher verzeichnete die Chinati Foundation zuletzt pro Jahr; angesichts der Mühen, die der Besucher auf sich nehmen muss, um nach Marfa zu gelangen, eine erstaunliche Zahl. Der neue Direktor nennt es als Ziel, dass „die Besucher der Chinati Foundation das wunderbare Gelände noch in diesem Jahr offener, individueller und in größerem Frieden erleben können“. Der Service werde „stark erhöht“. Das Ziel bestehe darin, „in den USA wie in Europa und auch Asien die höchst vorbildliche Qualität dieses Künstlermuseums weit deutlicher zu vermitteln“. An der von Judd festgelegten Aufstellung werde nichts verändert, doch gebe es „noch immer Pläne, die nicht verwirklicht sind“. Von Finanzen redet Kellein nicht, doch braucht es regelmäßige Einnahmen, um der Stiftung Betrieb und Pflege des Judd’schen Erbes zu ermöglichen. Zu Lebzeiten musste der Künstler erfahren, wie prekär die Abhängigkeit von fremden Mitteln sein kann, als die Dia Art Foundation nach Vermögenseinbußen ihrer Hauptgönnerin drastisch geschrumpft werden musste und dabei auch Marfa eiligst abgab – eben an Judd selbst.

Ihm war die perfekte Symbiose von Kunstwerk und Aufstellungsort ein Hauptanliegen. In Marfa werden 100 exakt gleich große Quader aus silbrig gebürstetem Aluminium gezeigt, die sich in der Ausführung ihrer inneren, nach komplizierten Formeln variierenden Verstrebungen unterscheiden, dazu eine auf einer ein Kilometer langen Sichtachse angeordnete Reihe von Betonskulpturen, die den leeren Raum umschließen und so als integralen Bestandteil von Skulptur kenntlich machen. In den beiden „Artilleriehallen“, die die 100 Quader beherbergen, herrscht strengste Ordnung, ohne dass diese Ordnung auf etwas anderes verweist als auf sich selbst. Judd war „darauf aus“, erklärt Kellein, „Licht und Landschaft im physischen Bezug zu den Werken zu zeigen“.

Kurz vor ihrem Abschied hat Marianne Stockebrand ein opulentes Katalogbuch zu Marfa vorgelegt. Es ermöglicht den Bewunderern von Judds Kunst, die keine Texasfahrt für sich reklamieren können, die Arbeiten in genau der Weise zu betrachten, wie sie Judd gesehen wissen wollte. Mit diesem Buch ist er endgültig in die Riege der Museumsschöpfer aufgestiegen. Interessanterweise findet sich kein Hinweis auf das geistesverwandte Museum, das die wieder zu Kräften gekommene Dia Art Foundation als Dia:Beacon nördlich von New York in einer ehemaligen Fabrik eingerichtet hat. Natürlich mit Arbeiten unter anderem von Flavin, Chamberlain und vor allem – von Judd.

Marianne Stockebrand (Hrsg.): „Chinati. Das Museum von Donald Judd“, DuMont, 328 S., 49,95 €. www.chinati.org

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