Donaueschinger Musiktage : Dimensionen und Distanzen

Überall muss alles immer schneller gehen, immer kürzer dauern. Auch in der Musik. Die Donaueschinger Musiktage stellen sich gegen den Mainstream – und zelebrieren die große Form.

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Nagende Klangsprache. Der Komponist Enno Poppe.
Nagende Klangsprache. Der Komponist Enno Poppe.Foto: SWR/Kai Bienert

Entschleunigung soll mehr Ruhe und Wohlbefinden in den Alltag bringen. Auch in der Neuen Musik hat sie einen Platz. Das legen die Donaueschinger Musiktage dieses Jahr in der Auseinandersetzung mit der Großform nahe. Dabei ist sie ja nicht sehr angesagt, die große Form, nicht in der Musik und auch sonst nirgendwo. Wer zu weit ausholt, sich zu ausführlich in einer Sache ergeht, strapaziert Geduld und Aufnahmekapazität seiner schnelllebigen Umwelt. Effizienz des Ausdrucks, schnelles auf den Punkt Kommen gelten als Qualitätsmerkmale. Dennoch – oder deswegen – hat sich Donaueschingen, die legendäre Hochburg der Neuen Musik an der Donauquelle, 2013 den Anachronismus geleistet, die musikalische Großform zu zelebrieren, mit Werken, die bis zu achtzig Minuten dauern.

Um Länge per se geht es aber nicht, wie der künstlerische Leiter Armin Köhler betont. Vielmehr um Konzentration, Vertiefung, Selbstwahrnehmung. So wie man zu einer langen Wanderung mit einer anderen Haltung aufbricht als zu einem kleinen Spaziergang, begegnet man als Hörer langen und kurzen Werken unterschiedlich – und als Komponist erst recht. Das Moment der Unberechenbarkeit macht die Großform für Veranstalter zum Risiko: dass sich ein solches Opus magnum der Deadline entzieht, wäre nicht ungewöhnlich. So ist 2013 auch nicht das Jahr der jungen Wilden, sondern eher der Etablierten, Routinierten, Zuverlässigen. Wie Georges Aperghis, Philippe Manoury, Enno Poppe, Walter Zimmermann.

Es ist tatsächlich ein unvergleichliches, fast spirituelles Erlebnis, das Versinken in einer Musik, der man sich überantworten muss, weil man ihre Strukturen nicht genau erfassen kann. Im Eröffnungswerk „Suave Mari Magno“ des Berliners Walter Zimmermann gelingt das auf exemplarische Weise. Groß wirkt das Stück gerade durch die Abwesenheit von Bombast, den steten Rückbezug auf eine kleine Ursprungszelle und eine wie mikroskopisch vergrößerte Klangstruktur. Über einem Grundpuls rotiert in immer schnelleren Kreisen ein Geflecht metrischer und tonaler Abweichungen durch sechs Orchestergruppen. Der Hörer verliert sich in einem meditativen Taumel.

Überdeutlich bekommt man zu spüren: Länge ist nicht gleich Länge

Kaum bestätigt, sieht sich Köhlers Entschleunigungshypothese aber schon im Konzert des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg widerlegt. Bernhard Langs „Monadologie XIII“ zermalmt einen fixfertigen romantischen Großformkoloss zu musikalischen Staubpartikeln. Sie rührt Bruckners 1. Symphonie neu an und gießt damit die alte, zu groß gewordene viersätzige Form wieder auf. Hin und wieder taucht ein Brocken Bruckner auf, ansonsten Schichten von verschieden kurzen rhythmischen Motiven in Endlosschlaufe. An solchen empfundenen Überlängen zeigt sich ein gewisser Definitionsnotstand, der das Programm mitbestimmt. Wo beginnt die Großform denn genau? Und werden die relevanten Kriterien auch von Werkzyklen oder „Suiten“ mit ursprünglich autonomen Teilen erfüllt, wie in Enno Poppes Werkserie „Speicher“? Bei Poppes nagender und nervös schwankender Klangsprache fragt sich zudem, ob sie in der 80-minütigen Überdosis nicht ihr Wirkungspotenzial einbüßt. Musik kann auch zehren.

Überdeutlich bekommt man es an diesem Donaueschinger Wochenende zu spüren: Länge ist nicht gleich Länge. Erfrischend kurzweilig nehmen sich die vom Klangforum Wien uraufgeführten „Situations“ von Georges Aperghis aus – unheimlich beredte Musik, die ihre Dramatik aus dem Stimmengewirr gewinnt, das offenbar auf ein zusammenhängendes Ganzes zusteuert, zugleich immer wieder an diesem vorbeizielt.

Markant: Die Abwesenheit technisch erzeugter Musik

Große Dimensionen und Distanzen bezwingen wir täglich: in der Erinnerung. So webt der Franzose Philippe Manoury mit „in situ“ ein filigranes Netz zu einer sinnlichen, sich wandelnden Klangtextur zusammen, verräumlicht quasi den Erinnerungsprozess. Das SWR Sinfonieorchester sprach ihm dafür den Orchesterpreis zu. Ein dezidierter Buhchor traf indes Bruno Mantovani für seine wortlastige Cantate Nr. 3. Die Vehemenz der Reaktion dürfte auch seinen bedenklichen Äußerungen gegolten haben. Mantovani hatte unlängst Frauen im Dirigentenfach Untauglichkeit diagnostiziert. Für sie sieht er das hauptberufliche Kinderkriegen und -aufziehen vor. Schwer, sich mit einer solchen Haltung in die Herzen aufgeklärter Hörer zu komponieren. Nach den Frauen, die solche Behauptungen widerlegen könnten, hält man im diesjährigen (wie übrigens auch im letztjährigen) Programm allerdings vergeblich Ausschau. Mantovanis These ist leicht zu entkräften. Vielleicht sollte man daran denken, es hin und wieder zu tun.

Die markante Abwesenheit technisch innovativer Komponenten im Vergleich zum Vorjahr, das neuen Medien gewidmet war, ist Teil der übergreifenden Gesamtidee des Uraufführungsfestivals. Es will jeweils unterschiedliche Aspekte aktuellen Komponierens beleuchten. Der Verzicht auf saisonale Themenversklavung und auf Obsession mit „dem Neuen“, das sich doch meist nicht materialisieren will, trägt dem gegenwärtigen Schaffenspanorama wesentlich adäquater Rechnung als dogmatische Ansätze, von denen sich die Neue Musik nicht grundlos distanziert hat. Den Mut zum Thema Großform, das an der Strapaziergrenze des Hörers wohnt und auch den Schritt darüber hinaus riskiert, muss man schätzen. Wären die Parameter der großen Form etwas weniger großzügig abgesteckt, hätte man womöglich mehr von der besagten Vertiefung erlebt. Von der Kontrollabgabe an etwas Größeres, nicht Beherrschbares, die nicht nur einen Schaffensaspekt, sondern auch ein Bedürfnis spiegelt.

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