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Donaueschinger Musiktage : Geht ins Ohr, bleibt im Kopf

25.10.2012 13:37 Uhrvon
Schlagfertig. Yves Goemaere spielt Klaus Schedls „Selbsthenker II“.Bild vergrößern
Schlagfertig. Yves Goemaere spielt Klaus Schedls „Selbsthenker II“. - Foto: dapd

Von der heilsamen Wirkung der Reizüberflutung: Erlebnisse bei den Donaueschinger Musiktagen 2012.

Herbstsonne, leuchtend goldene Laubbäume und klare Luft treiben das Donaueschinger Publikum nicht gerade in den Konzertsaal hinein, drohen eher, es zur Flucht aus demselben zu animieren (was in der Geschichte des legendären Uraufführungsfestivals nicht zum ersten Mal geschähe). Doch das aktuelle, umfassende Thema der Hybridisierung von Mensch und Maschine, von Virtualität und Realität vermag in vieler Hinsicht zu fesseln. Ausufernde Medialisierung der Gesellschaft beherrscht den öffentlichen Diskurs schon so lange, dass die Frage nach ihren Implikationen für die Neue Musik nicht minder aktuell erscheint. Eine undogmatische Haltung gegenüber der Definition des Musikbegriffs erweist sich dabei als Vorteil.

Hochspannung herrscht vor dem Eröffnungskonzert mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg – allerdings, weil gerade dessen Fusion beschlossen wurde. Festivalintendant Armin Köhler muss die brodelnden Emotionen im Saal diplomatisch beschwichtigen mit der Bitte, den Komponisten und Musikern den Respekt zu erweisen. Die Intervention beeinträchtigt aber nicht den „Wahrnehmungsmodus“, wie Köhler fürchtet, sondern scheint die Empfänglichkeit sogar noch zu schärfen. Mit Intensität spielen die Musiker das emotional aufgeladene Werk „My My Country“ des Tschechen Martin Smolka, als könnten sie den fatalen Beschluss damit rückgängig machen. Umso direkter berührt die Komposition in ihrer entwaffnenden, fast romantischen Subjektivität. Mit der Öffnung des mikrotonalen Raums legt Smolka den Blick ins Innere frei, ehe das nostalgische, allzu konkrete Geräusch einer alten Schreibmaschine einen in die gegenständliche Welt zurückholt.

Das junge belgische Ensemble Nadar wagt sich mutig nah an prekäre Grenzen: „Generation Kill“ von Stefan Prins – mehr interaktive audio-visuelle Performance als Komposition – entwirft ein beängstigend realitätsnahes Bild der Welt der digital natives. Vier Performer lenken per Spielsteuerung die hinter einer halb transparenten Leinwand sitzenden Musiker, die mit und gegen eine ständig manipulierte Projektion ihrer selbst spielen müssen. Es entsteht eine uferlos monströse, martialische Kulisse aus elektronischen und akustischen Klängen, die bei kolossaler visueller Reizüberflutung zwischen Virtualität und Realität kaum noch unterscheiden lässt. Als mittendrin abrupt Totenstille eintritt und über die Projektionsflächen ein Handy-Video einer Drohnenbombardierung in Afghanistan flimmert, steht nicht nur das fatale Potenzial immer unkontrollierbarer Digitaltechnik, sondern auch die Fragwürdigkeit gewaltverherrlichender Kriegssimulation zur Unterhaltung ganzer Generationen überlebensgroß im Raum.

Ein neuer Ensemble-Typus stellt sich auch mit dem in Israel ansässigen Ensemble Nikel vor: lässige Jungs, begabt, besessen, uneitel und souverän. Wirft man einen Blick auf die Besetzung – Saxofon, E-Gitarre, Klavier, Schlagzeug – drängt sich kurz die Vision einer Boy-Band Neuer Musik auf. Doch die Rocksound-Klischees dieser verstärkten Besetzung finden im Programm kaum Bestätigung. Nikel wird einem filigranen Klanggeflecht wie in Mark Bardens „witness.“ ebenso gerecht wie der groovigen Krachkomposition „kobushi burui“ mit Nähmaschine und Bohrer von Malin Bang – bedenklicherweise die einzige Komponistin im gesamten Festivalprogramm. Das Konzert kulminiert im virtuosen Exzess „skip a beat“ von Michael Wertmüller, in dem es für den Musiker nicht Neuland der Technologie, sondern Freiheit jenseits der Grenzen der eigenen Fähigkeit und Vorstellung zu erobern gilt. Das vorausgesetzte Können legen die Jungs von Nikel spielend und mit passioniertem Feuereifer aufs Parkett, was auf das Publikum ansteckend wirkt. Solche Begeisterung stimmt hoffnungsvoll.

Dass mit der Freiheit der Ausdrucksmittel die letzte musikalische Freiheit erreicht wäre, widerlegt Trond Reinholdtsen: In seiner „Musik“ stellt er das zweifelhafte Festival-Netzwerk auf unverschämt komische Weise bloß. Sein „Lied des Unterbewusstseins des Werks“ hat den Refrain: „Danke, danke, danke! Danke, Armin Köhler!“ Wie erfrischend nach einer strapaziösen ersten Konzerthälfte des norwegischen Ensembles Asamisimasa mit einer albernen Dekonstruktion der musikalischen Klagemotivik der Renaissance von Eliav Brand, die mit künstlichem Schluchzen und Lachen dem Publikum spürbar auf die Nerven fällt.

Doch kein Buhkonzert trifft so schmerzlich wie der unbezwingbare Massenschlaf, der die Zuhörer des preisgekrönten Hörspiels „bodybuilding“ von Boris Baltschun und Serge Baghdarassians überfällt: Köpfe und Oberkörper sinken reihenweise nach vorn, hinten oder zur Seite, dass der Anblick an die Transithalle eines Flughafens bei Nacht erinnert. Wie mag da wohl der Radiohörer reagieren, wenn er zu Hause die Tonstudiomontage einer klanglichen Durchmessung des Amazonasgebiets in qualvollem Echtzeittempo verfolgt, während ein Moderator herausgegriffene Details kommentiert, etwa das „Kikeriki“ des Hahns, das klanglich verwandt sein möchte mit dem Geräusch beim Verzehr von Hähnchenfleisch?

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