Kultur : Donaupartie

Wiens Klangbogen-Festival gräbt Leoncavallos „Bohème“ aus

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Wie sehr werden wir doch jedes Jahr von den großen Strömen „Bayreuth“ und „Salzburg“ überflutet. Endlose Diskussionen über die Superlative beider Festivals, langwieriges und kostspieliges Kartenbestellen, akribisches Forschen der Intendanten nach neuen Ideen und Schlagzeilen ... Im Theater an der Wien hatte nun Ruggero Leoncavallos verschollene Oper „La Bohème“ im Rahmen des Festivals „Klangbogen“ Premiere: Nichts von großen Schlagzeilen, kein großes Tamtam und Drumherum. Die Klangbogen-Intendanz zeigt mit dieser Ausgrabung vielmehr, wie das Musiktheater der Aufklärung des Musiktheaters wegen heute sein müsste, sein könnte.

Und die Aufklärung, die saß! Bis heute beherrscht Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ die Bühnen der Welt. Ruggero Leoncavallo hingegen ist uns lediglich von „I Pagliacci“ („Der Bajazzo“) her ein Begriff, was traurig stimmt und einem Treppenwitz der Geschichte gleichkommt, zumal sein Komponierstil im Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg sehr beliebt war. Auch Kaiser Wilhelm II. schätzte den Neapolitaner und erteilte ihm den Auftrag, ein Werk zu den Feierlichkeiten der Hohenzollerndynastie zu schreiben. So entstand Anno 1904 die Oper „Der Roland von Berlin“.

Der designierte Musikalische Direktor der Opéra de Nice, Marco Guidarini, erkundete mit dem Radio Symphonieorchester Wien die ganze ästhetische Vielschichtigkeit Leoncavallos: Das Wagnersche Melos bis hin zur Adaptation der „Tristan“-Harmonik, die Walzermelodien à la Offenbach, die Belcanto-Künste, die an Donizetti, ja an Verdi erinnern. Im Bühnenbild Johannes Leiackers – einer quasi geschlossenen Box, Sinnbild für die Begrenzung des Lebens – erzählt Regisseur Guy Joosten vier Akte lang eine bestechend klare, sehr heutige Geschichte.

Im Mittelpunkt bei Leoncavallo stehen im übrigen nicht Mimi und Rodolfo. Vielmehr werden die leichtlebige Musette und ihr fixer Lover Marcello nach den Ensembleszenen der ersten beiden Akte zum dramaturgischen Angelpunkt des Geschehens. Die Mezzosopranistin Katja Lytting brillierte als Musette – und ließ endlich alle quengeligen Fragen nach dem Sängernachwuchs verstummen. Wer sich noch an den Radames des Jahres 1997 an der Deutschen Oper erinnern kann, der erinnert sich an den Tenor Mikhail Davidoff. Sein Wiener Marcello entfachte einen Strudel kultivierter stimmlicher Leidenschaften. Und während Vittorio Vitelli einen brav gesungenen Rodolfo vorlegte, glänzte Berlins einstige Daphne Juanita Lascarro mit bester Spitzentontechnik als Mimi.

Es muss also nicht immer Salzburg oder Bayreuth sein. Sommerliche Donauwellen tun’s mitunter auch. Sven Johann Koblischek

Weitere Aufführungen am 6., 9. und 13. August. Informationen und Karten unter www.klangbogen.at

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