Kultur : Doppelbilder

Neuer Berliner Kunstverein: Fotografien aus Südafrika

Daniel Völzke

Auf einer riesigen Werbetafel prangt ein geschliffener Diamant. Funkelt, als würde er von selbst strahlen. „Democracy is forever“ steht darunter, und in kleinerer Schrift, „10 Years Of Freedom“. Der südafrikanische Fotograf Santu Mofokeng stellt in seinen Aufnahmen oft Werbebotschaften in den Mittelpunkt: Die Schilder überragen das alltägliche Leben der Straße, das bei Mofokeng verschwommen bleibt. Schiebt die schwarze Frau dort einen Einkaufswagen voller Konsumgüter vor sich her oder ist sie eine Obdachlose, die ihre Habseligkeiten spazieren fährt? Das Bild „Democracy Is Forever“ begrüßt den Besucher am Eingang der Ausstellung zeitgenössischer Fotokunst aus Südafrika im Neuen Berliner Kunstverein. Zwölf Fotografen, zwischen 27 und 77 Jahre alt, stellen Arbeiten aus, die ganz unterschiedliche Spotlights auf das Land werfen, das seit 1994 von der Apartheid erlöst ist. „Reality Check“ heißt die Ausstellung.

Prüfung der Realität bedeutete zu Apartheidszeiten, mit Bildern die Lügen des Regimes aufzudecken. Dokumentarische Fotografie war ein politisches Argument. Heute lösen sich die Fotografen von Eindeutigkeiten und zeigen Verstecktes, Geheimnisvolles. Die Fotografien des 50 Jahre alten Mofokeng sind ein Beispiel dafür. Da porträtiert er etwa seinen aidskranken Bruder, belichtet den Film doppelt, so dass der Todgeweihte seine Augen offen und geschlossen hat.

Mit dem Virus, mit dem in Südafrika über fünf Millionen Menschen infiziert sind, beschäftigt sich auch der 77-jährige David Goldblatt. Er lichtet in seiner großformatigen Serie „In The Time Of Aids“ karge Landschaften ab, in denen erst auf dem zweiten Blick die Schleife auffällt, das Symbol der Solidarität, auf einen Stein gemalt oder auf einem Poster. Aids hat das Land fest im Griff. Es sind oftmals diese zweiten Blicke, die es braucht, ein Bild zu verstehen. Die aus Fotoreportern Fotokünstler machen. Sei es bei Zanele Muholis intimen Aufnahmen schwarzer Lesben, in deren Umarmungen und Blicken auch Traurigkeit, Angst und Trotz zu erkennen sind, sei es bei den Gefängnisbildern von Mikhael Subotzky, bei denen der Betrachter sofort Beklemmung spürt, bevor er merkt, dass sie durch ein paranoides 360-Grad-Panorama hervorgerufen wird.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, bis 25. Februar Di–Fr 12–18 Uhr, Sa/So 14–18 Uhr. Katalog 19 Euro

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