Kultur : Doppelgeschöpf

Ein Porträtband über Elfriede Jelinek

Christine Lemke-Matwey

Die Männer mögen sie nicht, und ganz kann man es ihnen nicht verdenken. Die männliche Literaturkritik gießt Häme über Elfriede Jelinek aus, als sie 2004 den Nobelpreis bekommt; Frank Castorf lässt sie bei der Hamburger Uraufführung von „Raststätte oder Sie machen’s alle“ 1995 als Sex-Puppe auftreten; dem Haus Österreich gilt sie lange vor Haider & Co. als „Nestbeschmutzerin“. Jelinek, die verhinderte Musikerin, die verstörende, oft selbst verstörte Literatin, sie „polarisiert“, wie es im Klappentext von Verena Mayers und Roland Kobergs Porträt vielsagend nichtssagend heißt.

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Immer den Finger in der Wunde, gern ironisch und in der Selbststilisierung gefangen. Was nicht bedeutet, dass Frauen es leicht mit ihr hätten. Eine intellektuelle Feministin, ein „Doppelgeschöpf“, das ohne die Hassliebe seiner Mutter von Panikattacken erfasst wird, eine femme fragile, die es liebt, „Geld für Kosmetika auszugeben“, geltungssüchtig, unnahbar. Da fällt jede Identifikation schwer, so wie man sich ja auch mit ihren literarischen Figuren schwer tun soll. Mayers/Kobergs Buch ist der Versuch einer Annährung, eine verdienstvolle erste Zusammenschau von Leben und Werk: mehr von Emsigkeit getragen als von Hingabe, sauber im Resümee des Œuvres, zaghaft, ja jugendlich gleichmütig im Blick auf die Person. Näher rückt einem die Jelinek nach dieser Lektüre nicht. Aber die Vorstellung wäre ihr wohl auch ein Grauen.

Verena Mayer, Roland Koberg: Elfriede Jelinek. Ein Porträt. Rowohlt Verlag, Hamburg. 302 Seiten, 19,90 €.

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