Kultur : Doppelherz

Katrin Wittneven

Das Leben des Dr. Dr. Gustav Rau liest sich wie ein Roman: Der 1922 geborene Sohn eines Industriellen übernimmt 1960 als promovierter Wirtschaftswissenschaftler die väterliche Spezialwerkstattfabrik. Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit beginnt er Kunst zu sammeln und studiert Medizin. 1970 verkauft der Philanthrop das Familienunternehmen und beginnt als Tropen- und Kinderarzt in Nigeria und dem Kongo zu arbeiten, fliegt dabei immer wieder zu großen Auktionen in Europa und Amerika und erwirbt oft gleich mehrere kostbare Bilder auf einer Reise. Mit Gemälden von El Greco, Lucas Cranach, Pierre Bonnard, Fra Angelico und anderen Meistern entsteht eine der wichtigsten privaten Kunstsammlungen Europas. Drei Stiftungen mit Sitz in der Schweiz sollten auch über den Tod des Sammlers hinaus das Vermögen Kindern in der Dritten Welt zugute kommen lassen.

Doch noch zu Lebzeiten entbrennt ein zäher Rechtsstreit um die Zukunft der Bilder, deren Gesamtwert zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Schweizer Franken geschätzt wird. Denn Rau entschließt sich Ende der neunziger Jahre "nach schlechten Erfahrungen mit den Schweizer Behörden", seine Sammlung Unicef Deutschland zu schenken. Unmittelbar danach werden Zweifel laut: Zu krank scheint der an zunehmender Demenz leidende Rau inzwischen zu sein, um eine solche Transaktion zu planen. Zu unduchrsichtig bleiben Details. Eine Auflistung der ca. 500 Gemälde wird nicht veröffentlicht, so bleibt auch unklar, welche Werke zurückgehalten wurden, um die Lebenskosten des schwer kranken Manns zu tragen. Stets mit der Begründung Rau schützen zu wollen, erklärten ihn Gerichtsurteile für geschäftsfähig, andere ließen durch die Vormundschaftsbehörde einen Betreuer ernennen.

Die ungeheuerlichen Vorwürfe gegen Raus engste Mitarbeiter werden selbst nach seinem Tod am 3. Januar nicht leiser. Im Gegenteil: Nach der Vermutung eines Klägers, Rau sei keines natürlichen Todes gestorben, entschied die Stuttgarter Staatsanwaltschaft in dieser Woche, den Leichnam Gustav Raus obduzieren zu lassen. Die Hoffnung, dass das bereits laufende Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte noch Licht in das düstere Geflecht bringen wird, ist nach Raus Tod allerdings gesunken.

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