Kultur : Doppelmord

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Gregor Dotzauer über die Killerkommandos der deutschen Literatur

Pech für Bodo Kirchhoff, dass gerade jeder auf Martin Walser starrt. Wenn Frank Schirrmacher in der „FAZ“ nicht seine Attacke gegen einen noch gar nicht erschienenen Roman geritten hätte, was wären sie für ein Doppel gewesen: Kirchhoff, der Mann aus Frankfurt am Main, mit dem für den 8. Juli angekündigten „Schundroman“ (Frankfurter Verlagsanstalt), und Walser, der Recke vom Bodensee, mit dem „Tod eines Kritikers“ (Suhrkamp)?

Aus zwei Richtungen wären sie ihren Lieblingskritikerfeind Marcel Reich-Ranicki angegangen. Kirchhoff hätte ihn nach Pulp-Fiction-Manier in der Gestalt von Louis Freytag ermordet, und Walser hätte seine Tötungsfantasie an André Ehrl-König ausprobiert. Oder muss Kirchhoff womöglich dankbar sein, dass ihm Deutschlands aufgeblähteste Literaturdebatte soviel Rückenwind verschafft hat? Auf vier „Spiegel“-Seiten kann er sich nun erklären? Selbst im Ehekrieg zwischen Klausjürgen Wussow und Yvonne Viehöfer scheint es um mehr gegangen zu sein. Das einzige Verdienst des Nachtrags liegt darin, dass es die unselige Debatte um Walsers angeblichen Antisemitismus entschärft und die Machtfigur Reich-Ranicki in den Mittelpunkt rückt. Man muss keines von beiden Büchern gelesen haben, um zu begreifen: Die Fiktionen sind Morde an jemandem, den man gar nicht ermorden muss – es hat nur noch nicht jeder gemerkt.

Die öffentliche Aufmerksamkeit, die Marcel Reich-Ranicki als Fernsehfigur erfährt, steht in umgekehrtem Verhältnis zur Achtung, die er als Kritiker zeitgenössischer Literatur unter Kollegen genießt. Und das hat nichts mit Neid zu tun. Schon seit Jahren hat sich im deutschen Literaturbetrieb ein Generationswechsel vollzogen, der der Wahrnehmung zeitgenössischer Literatur gutgetan hat. Keiner von denen, die jetzt die Redaktionsgeschäfte leiten, träumt von einer Soloshow oder einer regelmäßigen Erwähnung in der „Bunten“. Und jeder ist gottfroh, dass Ulla Hahn nicht mehr zur großen deutschen Lyrikerin ausgerufen wird.

Der fehlende Respekt vor MRR hat auch nichts mit Vorurteilen gegenüber älteren Kritikern zu tun. Was einmal der strikt konservative Günter Blöcker in der „FAZ“ schrieb, war auch in der Ablehnung von literarischen Bewegungen wie dem nouveau roman kenntnisreicher, überlegter und fundierter als MRRs in der rhetorischen Geste steckenbleibenden Verdikte. Das seit einem halben Jahrhundert unveränderte Anforderungsprofil, das er an Literatur richtet, ist in seinem Klippschul-Realismus auf den Spuren von Georg Lukács so überholt wie überwunden. Wer sich ernsthaft mit Literatur beschäftigt, weiß das. Vielleicht müssen es nur noch ein paar Schriftsteller und wild gewordene Feuilletons lernen.

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