Kultur : Doppelt fällt besser

Ehepaar sucht Gleichgestimmtes: die kultivierte Swinger-Romanze „Malen oder Lieben“

Christina Tilmann

Da funkt nichts mehr, kein Feuer, keine Glut, erst recht kein Flächenbrand. Ödnis stattdessen, im Leben und in der Liebe. Er, abgehalfterter Meteorologe, sagt Schönwetter voraus, doch dann gießt es in Strömen. Sie, Hobbymalerin, flüchtet sich nachts vor die Staffelei, weil im Bett nichts mehr läuft. Und malt in Wasserfarben, nicht in Öl.

Es ist die kleine Hölle des saturierten Provinz-Ruhestands, die Madeleine (Sabine Azéma) und William (Daniel Auteuil) erleben. Die Tochter ist aus dem Haus, auf nach Rom, die Freunde mit Golfen beschäftigt, man trinkt viel Cognac, doch in Stimmung kommt man nicht. Bis Madeleine ein altes Landhaus entdeckt, eine malerische Walnussfarm, mit Trockenboden und weitem Blick auf die französischen Alpen. Man besichtigt, man kauft spontan – und plötzlich ist „Malen oder Lieben“, so der Titel des Films, keine unvereinbare Alternative mehr, sondern beides möglich, beides schön.

Ein Traum vom neuen, erfüllten Leben, den die französischen Regie-Brüder Arnaud und Jean-Marie Larrieu sich ausmalen. In der Nachbarschaft gibt es einen blinden Bürgermeister namens Adam (Sergi Lopez) samt junger, schöner Frau Eva (Amira Casar). Schnell kommt man sich näher, geht – eine eindrückliche Szene – nachts gemeinsam durch den dunklen Wald, hier ist Adam der Einzige, der sieht, schon brennt das Haus von Adam und Eva, die beiden ziehen bei William und Madeleine ein, Adam legt seinen Arm um Madeleine, und schon verschwinden sie nach oben. Der Partnertausch nimmt seinen Lauf.

Das soll, so die Regisseure, ein unschuldiges, jungfräuliches Erlebnis sein, ohne Schuld, ohne Reue. Die neue Offenheit soll das Leben der ausgebrannten Städter erneuern, so dass sie überlegen, alles im Stich zu lassen, auf eine Insel in die Südsee zu ziehen und dort wie Adam und Eva zu leben, unbeschwert und frei. Und es hat doch etwas unangenehm Sensationistisches, eine Houellebecq’sche Behauptung, dass man, einmal initiiert, mit dem Partnertausch einfach so weitermacht. Schon taucht das nächste willige Paar am Gartentor auf.

Doch statt Befreiung herrscht weiter Gleichgültigkeit. Für kurze Zeit erwacht zwischen William und Madeleine neues Begehren, es flackert auf, erlischt dann wieder, und alles bleibt beim Alten. Man isst gut, man trinkt viel, hört schöne alte Platten, geht in die Pilze oder zum Golf. In Frankreich heißt das Provinzkleinbürgertum – hierzulande wirkt so was dagegen schon ziemlich großbürgerlich und sehr französisch noch dazu. Dass diese Menschen in ihrem Landhaus keine wichtigen Probleme haben, dass ihr so moderates Gelangweiltsein eher ein Luxusproblem ist, lässt auch den Film der Brüder Larrieu zumindest für hiesige Augen recht unerheblich erscheinen. Etwas mehr Feuer hätte es sein dürfen, wenn schon ganze Bauernhäuser in Schutt und Asche fallen und das Leben der Beteiligten dazu. Doch William bläst ganz sacht die Kerzen aus. Es raucht auch kaum.

Cinema Paris, Filmtheater am Friedrichshain, Kulturbrauerei und Yorck; untertitelte Originalfassung im Cinema Paris und in den Hackeschen Höfen

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