Kultur : Doppeltürme im Eastend

„Coop Himmelb(l)au“ gewinnt den Architekturwettbewerb für Frankfurts Europäische Zentralbank

Christian Huther

Die Skyline von Frankfurt am Main wird das Gebäude nicht verändern, aber die Stadt wird sich wandeln und ihr Zentrum ausdehnen. Denn der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) soll etwas abseits der Banken-Türme entstehen, im bisher industriell geprägten Osten der Stadt. Das wird einen Umbruch in den angrenzenden Stadtteilen bewirken, weg von der Industriekulisse, hin zu Büros, Wohnhäusern, Restaurants und Läden. Mit dem EZB-Bau soll 2005 begonnen werden, der Umzug ist für 2008 oder 2009 geplant. Momentan sind die 1200 Mitarbeiter auf drei Standorte in der Stadt verteilt.

370 Architekten aus 31 Ländern hatten sich um diesen lukrativen Großauftrag beworben. Drei Vorgaben zu beachten: Die wichtigste Einschränkung betrifft die Großmarkthalle, die auf dem 126000 Quadratmeter großen EZB-Areal steht. Die von Martin Elsässer 1926 bis 1928 errichtete Halle mit ihrer Länge von 220 Metern und bis zu 23 Metern Höhe steht unter Denkmalschutz. Alle anderen Bauten müssen hinter ihr zum Main hin platziert werden. Außerdem sollen die Entwürfe mindestens 100000 Quadratmeter Bürofläche aufweisen. Am wenigsten schien sich die EZB an der erlaubten Turmhöhe von 150 Metern zu stören. Die planerische Freiheit ist also stark eingeschränkt.

Jetzt wurde der Wettbewerb abgeschlossen und drei Gewinner gekürt. Allen voran das Wiener Architektenduo „Coop Himmelb(l)au“, das in den Anfangsjahren nach 1968 mit schrägen Vorschlägen Furore machte, inzwischen aber etabliert ist. Auf dem zweiten Platz folgt das Berliner Büro „ASP Schweger Assoziierte“, den dritten Rang belegt das Büro „54 f“ (Darmstadt/Malaysia). Seit gestern zeigt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt knapp 80 Entwürfe aus zwei Wettbewerbsphasen. Während im Erdgeschoss die Bewerbungen der ersten Runde dicht gedrängt sind, haben die zwölf Teilnehmer der nächsten Runde im ersten Obergeschoss wesentlich mehr Platz zu ihrer Präsentation.

„Coop Himmelb(l)au“ wollen die Großmarkthalle als Eingang nutzen und planen dahinter einen zweiten, ähnlich geschnittenen Bau als Konferenzzentrum. An dessen Südseite setzen sie zwei prismatisch ineinander verdrehte und durch ein Atrium verbundene Wolkenkratzer. Dieser Doppelturm mit seinen wechselnden Seitenansichten ist zwar elegant, kann aber nicht das Manko der vollkommen zugebauten Großmarkthalle verbergen. Die anderen Bewerber gingen sensibler mit der alten Eisenbetonkonstruktion und ihren reizvollen Tonnengewölben um. Das mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Berliner Büro Schweger plant einen transparenten Bügel oder eine Brücke aus zwei Türmen als Kontrast zur Großmarkthalle, dessen Betondach auch durch Glas ersetzt werden soll. Dieser Entwurf gewährt zumindest einen Blick auf Teile der Halle, ähnlich wie der drittplatzierte Entwurf von „54 f“ mit zwei großen und zwei kleineren Hochhausscheiben.

Mit der Preisvergabe ist jedoch noch nicht alles entschieden. Erst im März will sich die EZB festlegen, welcher der drei Preisträger mit einer Überarbeitung beauftragt wird. So stehen auch noch keine Baukosten fest. Eine endgültige Entscheidung ist erst für September zu erwarten, wie der für das Projekt zuständige EZB-Vizepräsident Lucas Papademos sagt. Allerdings attestiert Papademos dem Sieger-Entwurf, dass er „die Werte der EZB“ symbolisiere: Transparenz, Kommunikation, Effizienz und Stabilität.

Doch der Rundgang durch die Ausstellung zeigt, dass einige Architekten das Umfeld besser studierten als die Wiener Sieger, dafür aber nicht den letzten Schliff in die Eleganz der EZB-Bauten legten. Das dürfte bei der jetzigen Entscheidung den Ausschlag gegeben haben. Mancher der vielen prominenten Mitbewerber schaffte wohl auch nicht die geforderte Bürofläche. Zu utopisch sind die Gebäudegruppen mit Türmchen von Frank O. Gehry, die Kugel von Berkel/Bos, der Zylinder von Schneider & Schumacher oder der mit einem Greifarm weit auskragende Gebäudetrakt von Morphosis.

Unter die zwölf Finalisten gelangte auch Helmut Jahn (Chicago). Er setzt zwei Türme in Form von Kreissegmenten mit den abgerundeten Seiten einander gegenüber, bringt die öffentlichen Aufgaben in einem zum Main hin drängenden Flachbau unter und will für Erweiterungen eine dritte, niedrigere Hochhausscheibe anfügen. Immerhin plant die EZB bis zu 2500 Arbeitsplätze. Dieser Entwurf vereint Eleganz mit Weitsicht, lässt dem Baudenkmal ebenso Platz wie den Hochhäusern. Aber noch haben die Gewinner eine Chance zum Nachbessern.

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, bis 14. März.

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