Dora Heldt : Mit Papa nach ganz oben

DORA HELDT heißt eigentlich Bärbel Schmidt und ist Bestsellerautorin. Ihr neuer Roman: „Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt“. Eine Begegnung in Warnemünde

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Dorschfilet in Senfbuttersauce muss es für sie sein. Weder die Scholle mit ausgelassenem Speck, Gurkensalat und Lyoner Kartoffeln, noch die Flunder nach Art der Küstenschiffer – mit Krabben und Champignons – können an diesem Abend Bärbel Schmidt von ihrer Menüwahl abbringen. Denn für ihre Art der Dorschzubereitung ist die „Seekiste zur Krim“ berühmt. Das älteste Restaurant von Warnemünde, mit einer Ausnahme stets von Kapitänen betrieben, liegt am sogenannten Strom, dem etwas windstilleren Ende. Während des Krimkriegs ab 1853 hatten Warnemünder Seeleute sowohl den Russen als auch den verfeindeten Türken und deren Alliierten gedient – je nachdem, wer besser zahlte.

Ein altes Kapitänshäuschen reiht sich an das andere, mal in tiefem Waldgrün, mal schneeweiß, aber alle mit den für Mecklenburg-Vorpommern typischen gerundeten Giebeln. Aus Gründen des Feuerschutzes sind zwischen den Häusern schmale Gänge angelegt, durch die genau eine Kuh passt – jede Familie besaß früher eine. Die Liebe zum Meer und ein ausgeprägter Familiensinn sind zwei Konstanten, die auch Bärbel Schmidt immer wieder erden. Denn abheben könnte sie als Bestsellerautorin Dora Heldt durchaus: Kaum erschienen, steht ihr neuer Roman „Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt“ bereits wieder ganz weit oben auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Seit fünf Jahren, als ihr Debütroman „Ausgeliebt“ herauskam, geht das nun mit jedem ihrer Bücher so. Bärbel Schmidts zweites Leben in Gestalt von Dora Heldt begann, als die gelernte Buchhändlerin in Garbsen bei Hannover ihren früheren Chef und jetzigen Agenten Joachim Jessen wiedertraf. Ihre Scheidung lag drei Jahre zurück, und Schmidt fühlte sich als Mensch, der feste Strukturen liebt, etwas orientierungslos. „Du bist doch geschieden, mach doch da was drüber“, schlug er ihr vor. Was hätte sie an humorvoller, aufbauender Literatur in dieser Situation selber gerne gelesen, überlegte sie sich und fing an. „Pass auf, das haben auch schon andere erlebt, und das geht alles gut“, lautete der Tenor, dem sie mit ihren menschenfreundlichen Büchern seitdem treugeblieben ist. Ein halbes Jahr später reichte sie als Dora Heldt das Manuskript bei sechs Verlagen ein. Sie entschied sich für das Haus, wo sie als Vertreterin arbeitet, den Deutschen Taschenbuchverlag, kurz dtv. Verleger Wolfgang Balk reagierte zunächst überrascht: „Es ist für alle Beteiligten immer schwierig, wenn sich Rollen verändern, doch die Verlegenheit hat sich inzwischen gelegt.“

Auch mit ihrem Pseudonym ist Bärbel Schmidt in der Familie geblieben: Dora Heldt hieß ihre Großmutter mütterlicherseits. Alle Fehler habe sie von ihrem Vater, bekannte sie einmal: den Zweckpessimismus, das Funktionieren sowie die Abneigung, die Kontrolle abzugeben. Rudi Schmidt, 74 Jahre alt und ehemaliger Bundeswehr-Soldat, arbeitet heute als Gästeführer auf Sylt. Und er ruft schon mal über den Zaun, wenn er seine berühmte Tochter bei Dreharbeiten auf der Insel entdeckt. Das war bei der Verfilmung von „Kein Wort zu Papa“ in diesem Sommer (der Sendetermin im ZDF steht übrigens noch nicht fest). Als „Papa“ agierte wie bereits in dem Film „Urlaub mit Papa“ der Bühnenschauspieler Lambert Hamel, was die Autorin mit Stolz erfüllt: „Es hat mir richtig geschmeichelt, dass dieser kluge, feine und sehr präsente Mensch meinen Vater gespielt hat.“

Bärbel Schmidt wird im November fünfzig Jahre alt. Auf dieses Datum reagieren viele Frauen panisch. So auch Doris, eine der drei Heldinnen von „Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt". Der geplanten Familienfeier entflieht sie mit ihren Schulfreundinnen Anke und Katja in ein Wellnesshotel. „Ich weiß, was für ein Gefühl ich am Schluss des Buches haben will“, sagt Bärbel Schmidt und nippt an einem farbenfrohen alkoholfreien Cocktail. Es ist heller Nachmittag, ein Team vom NDR will sie an der Bar des „Neptun“ filmen. Das ehemalige Prominenten-Hotel der DDR feiert sein vierzigstes Jubiläum. Das Getränk soll farblich zu Bärbel Schmidts Outfit passen, die Entscheidung fällt für leuchtend orange. Auch von ihren Protagonistinnen, die mit ihr älter werden, hat sie sehr genaue Vorstellungen. Bei der Gestaltung der pflichtbewussten, überpünktlichen Doris etwa dachte sie an Ulrike Kriener. „Man muss filmisch denken, um Situationskomik zu erfassen“, erläutert sie: „Ich habe als Kind schon immer relativ viel übertrieben. Überzeichnung hat auch etwas mit Vorbereitung zu tun, deshalb bin ich auch ein ganz großer Loriot-Fan. Ich möchte eine Vorstellung haben von einer Szene, die sich bewegt, und dafür brauche ich so etwas wie einen Ablauf.“

Das Ergebnis sieht so aus: „Zu dritt gingen sie sie nebeneinander die breite Treppe hinunter. Doris in der Mitte in schwarzer, schmaler Hose und schwarzem Pulli, zu dem Katjas grüner Schal drapiert war. Anke in weißer Hose mit einer blauen Bluse von Doris und einem breiten Gürtel von Katja und schließlich Katja in einem feuerroten Kleid, die Haare zu einem Knoten gesteckt." Ein exaktes Bild, nicht frei von Redundanzen, und eine kleine Flucht aus dem Alltag, die dank der verlässlichen Freundinnen gut und damit systemimmanent ausgeht: Millionen Leserinnen wünschen sich offenbar genau das, eine heile Welt mit Meeresbrise. Das bemerkt die Autorin vor allem auf Lesereise, wo sie der Mutterwitz ihrer reiferen Zuhörerinnen, insbesondere der Landfrauen, stets beeindruckt: „Ältere Frauen sind komischer als junge, weil sie weniger Angst haben, ihre Contenance zu verlieren.“

„Der Lesewunsch nach Unterhaltung muss befriedigt werden“, ist Bärbel Schmidt überzeugt. Deshalb sei es vom Deutschen Taschenbuch Verlag, dessen Gesamtprogramm sie seit 19 Jahren vertritt, sehr vorausschauend gewesen, ein eigenes Lektorat für die Unterhaltungsliteratur einzurichten: „Hier wird das Geld verdient, das man für die Literatur braucht." Zwischen Hamburg und Osnabrück ist die Vertreterin zweimal im Jahr unterwegs, um „ihren“ Buchhandlungen die Programme von dtv und dem Stuttgarter Verlag Klett Cotta nahezubringen. Dabei sieht sie die Zukunft ihres Brotberufs nicht schwarz, aber doch dunkelblau, nicht zuletzt durch den florierenden Internet-Buchhandel: In den letzten fünf Jahren habe sich das Geschäft – Kundenstruktur, Bestellkanäle, Art der Bücher – rasanter verändert als je zuvor. Dabei erscheint ihr nicht zuletzt der eigene Erfolg als symptomatisch: „Vor fünf Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Titel wie ‚Kein Wort zu Papa' vierzig Wochen auf der Bestsellerliste steht.“

Nach wie vor legt die Sylterin größten Wert auf die Trennung ihrer beiden Berufe. Auf den Buchmessen arbeitet sie zwei Tage mit Namensschild unter ihrem „Klarnamen“. Den Rest der Zeit ist sie die Bestsellerautorin Dora Heldt und erfreut ihre Lesergemeinde mit mehreren Auftritten. Bei dieser Janusköpfigkeit könnte sich durchaus eine Anekdote wiederholen, die Bärbel Schmidt schmunzelnd erzählt: Einmal habe sie ein Kollege, der am Stand vorbeikam, gefragt: „Bist du gerade Bärbel oder Dora?“ – „Bärbel, wieso?“ – „Dann hol doch mal einen Lappen für den Tisch dahinten.“ Ob er das auch zu einem Mann gesagt hätte?

Dora Heldt

Bei Hitze ist es

wenigstens nicht kalt. Roman. dtv premium,

München 2011.

336 Seiten, 14, 90 €.

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