Kultur : Dorf auf dem Dach eines Hauses

CLEMENS WERGIN

"Berlin - geistige Metropole?" hieß die Frage, die sich ein hochkarätig besetztes Podium in der Reihe "Berliner Hauptstadtgespräche" stellte. Doch der polnische Literat Andrzej Szczypiorski warf ein, daß es eigentlich um zwei Fragen geht: "Wo ist der europäische Geist, was macht er, wie fühlt er sich?" Mit dem Zusatz, ob sich der wandernde und vaterlandslose Geselle bald einmal wieder für kürzer oder länger in Berlin aufhalten werde, und "ob die deutsche Gesellschaft genug geistige Kraft hat für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts".

Horst Teltschik, ehemaliger Kanzleramtsberater und Vorstandsmitglied von BMW, hatte Osteuropa ein geistiges Vakuum nach der Wende unterstellt, das allerdings mit Berlins Hilfe behoben werden könne. Die Stadt habe schon allein durch die geographische Nähe zum Osten eine "besondere Sensibilität für die dortigen Probleme". Ob jedoch Berlin dafür schon reif sei und genügend Eigengewicht mitbringe, das war in der Diskussion allerdings umstritten. György Konrád bezeichnete schon allein die Fragestellung der Veranstaltung als paradox. "Eine Stadt, die Weltstadt sein möchte, aber nicht weiß, ob sie eine ist." Sei dies nicht eine "Möchtegerneweltstadt"? Es herrsche immer noch der "Traum von großen Geistern in Caféhäusern, die miteinander plaudern". Daß aber die kulturell fruchtbaren zwanziger Jahre nicht zurückkommen, stand auch für den Historiker Fritz Stern außer frage: "Es kann keine Rückkehr zur Vergangenheit geben", meinte Stern und trat der Vorstellung entgegen, in den Zwanzigern sei in Berlin "alles hervorragend gewesen". Politisch und kulturell sei die Vormachtstellung Berlins in Deutschland nie akzeptiert gewesen. Außerdem habe man für die "übertriebene, selbstbewußte Modernität der alten Hauptstadt einen ungeheuren politischen Preis" gezahlt.

Michel Friedman stimmte in diesen Tenor ein, daß Berlin zur Metropole Entscheidendes fehle: die Lust am Streit und an der Auseinandersetzung. Merkmal einer Metropole sei für ihn "die unberechenbare Kultur nicht von morgen, sondern von übermorgen". Neben der subventionierten Hochkultur müsse endlich auch die Subkultur als gleichwertig akzeptiert werden. Wie Konrád, der meinte, "Weltstadt bedeutet, daß die Welt da ist, nicht nur eine Nation", verfocht Friedman die kulturelle Fruchtbarkeit einer multiethnischen Stadt: "Metropolen sind Magneten für Migranten und ihre Träume", auch wenn das für die Stadt selber manchmal schwierig sei. Die deutsche Gesellschaft müsse sich aber zunächst darüber klar werden, ob soviel kreative Bewegung überhaupt gewünscht sei, ob sie kulturelle Eliten fördern oder lieber in Mittelmäßigkeit verharren wolle. Konrád plädierte denn auch für ein geistiges Polyzentrum in Europa, "ein Netzwerk der geistigen Knotenpunkte, die miteinander in Wettbewerb treten". Es sei ohnehin nicht klar, was das Kriterium für den Geist sei. Bei der Literaturproduktion läge Berlin ja nicht schlecht, wenn aber die Anzahl der Nobelpreisträger pro Quadratkilometer Kriterium sei, wären doch eher Havard, Oxford oder Cambridge die geistigen Metropolen der Welt. Merkmal einer Metropole sei ohnehin der Reiz, der von ihr ausgehe. Es gäbe keine geistige Macht sondern nur "Ausstrahlung, Anziehungskraft, Freude und sinnliche Ausstrahlung einer Stadt".

Obwohl man sich einig war, daß Kunst nicht aus sattem Wohlstand entsteht, stellte Szczypiorski klar: "Zweifelsohne braucht der Geist ein paar Groschen." Horst Teltschik war sich denn auch sicher, daß die Wirtschaft nach Berlin kommt und die ökonomische Kraft in Zukunft den Metropolencharakter unterstreichen wird: "Die Wirtschaft ist - anders als die Kultur - abhängig von der Zusammenarbeit mit der Politik." Er bestand aber darauf, daß Berlin und Deutschland "intellektuelle Patenschaften" für Osteuropa übernehmen müßten. Friedman hingegen zeigte sich "erstaunt, ein Stück auch beunruhigt, was man diesem Haus Berlin an Aufgaben alles hineinsteckt". Auch Konrád mahnte "etwas mehr Selbstfindung und Demut an". Berlin sollte in Osteuropa nicht gleich wieder Vorbildfunktion übernehmen wollen, denn: "Eine wirkliche Weltstadt ist stolz darauf, daß sie lernen kann, nicht führen oder andere anlernen." Betreffs weltstädtischer Defizite wußte er die Berliner jedoch zu trösten: "Wir wollen gar nicht immer in einer Weltstadt leben, sondern manchmal auch ein Dorf auf dem Dach eines Hauses errichten."

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