Kultur : Dorfgeflüster

Theater im Palais: Fontanes „Unterm Birnbaum“

Christoph Funke

Wer liegt unterm Birnbaum? Eine Leiche wohl, aber nicht das Mordopfer. Nach einer wahren Begebenheit im Oderbruchdorf Tschechin des Jahres 1831 geht Theodor Fontane in seiner 1885 in der „Gartenlaube“ erstmals erschienenen Novelle einem fast perfekten Verbrechen nach. Der Gastwirt und Ladenbesitzer Hradscheck befördert einen Weinreisenden erst zu Tode, dann in den Keller – er ist seine Schulden los und hat mit dem Gerippe unterm Birnbaum ein sehr besonderes Alibi.

Mit verblüffender Genauigkeit und scheinbar alles verzeihender Liebe zeichnet Fontane die dörfliche Welt von Tschechin, die Eigenheiten und Verschrobenheiten der Bewohner. Aber die pusselige Detailversessenheit täuscht, denn sie ist in Ironie getaucht, in den gutmütigen Spott über Leute, die es nach Dramen dürstet, um ihren kleinlichen Verhältnissen ein wenig aufhelfen zu können.

Im Berliner Theater im Palais ist die Erzählung jetzt auf der Bühne zu sehen (Fassung und Regie: Barbara Abend), in fast feierlicher Strenge. Fünf Spieler schlüpfen in die Rollen von Gastwirt, Polizist, Pfarrer, Justizrat und Knecht, von der „vornehmen“ Frau des Wirts und der „Hexe“ Jeschke. Dunkel gekleidet, halten sie sich ständig auf der mit rostroten, rechtwinklig geschnittenen Möbelelementen ausgestalteten Bühne (Wiebke Horn) auf.

Und wieder verblüfft die Fähigkeit des Ensembles um Gabriele Streichhahn (Frau Ursel, Jeschke) und Peter Rauch (Hradscheck), die Geschichte im behänden Wechsel der Charaktere und Situationen zu spielen, zu erzählen, zu kommentieren. Ute Falkenau am Klavier ist dabei eine unverzichtbare Hilfe, auch mit ihren Liedkompositionen, die den volkstümlichen berlinischen Hintergrund der Mordsgeschichte anklingen lassen. Der poetische Zauber eines mit Hochachtung behandelten meisterlichen Erzählstücks entfaltet sich mit gebändigter Leidenschaft.

Wieder am 22. (20 Uhr) und 23. April (16 Uhr)

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