Kultur : Dorian Gray besucht Neverland

„Oscar Wilde“ im Berliner Gorki Theater

Sandra Luzina

In Zeiten des enthemmten Boulevardismus erscheint Oscar Wilde als die erste moderne Künstlerexistenz. „Ich habe mein Genie in mein Leben investiert, in mein Werk nur mein Talent“, hat der Meister des Aperçus einmal gesagt. Bruno Cathomas und Remsi al Khalisi, die auf der Grundlage von Wilde-Texten das Stück „Oscar Wilde – ein Rausch“ verfasst haben, beschreiten entschlossen den Boulevard der Dämmerung, und der endet vorerst in Neverland. Cathomas erblickt in Michael Jackson einen Nachfolger des skandalösen Oscar. Wobei der den glamouröseren, weil witzigeren und wortgewandteren Sünder abgibt. Und die tragischere Figur: Immerhin musste er zwei Jahre im Zuchthaus verbüßen. Wegen „Sodomie“. Das war damals die Umschreibung für Homosexualität.

Oscar Wilde (fast) nackt: Die großartige Bettina Hoppe spielt den Dichter. Mit nichts als einer Männerunterhose bekleidet, wirft sie sich in wilder Spielwut auf die Figur, hält sie aber immer schön auf Abstand. Wilde, der Zuchthäusler, hat gerade zu einer Apologie des Schmerzes ausgeholt. Denn dem Autor Wilde geht es an den Kragen. In seinen Werken sind immer wieder versteckte Hinweise auf seine Homosexualität gestreut – und im Gorki Theater nun werden offene Türen eingerannt. Eine Szene aus „Bunbury“ wird zum Schwuchtel-Klamauk. Niels Bormann und Thomas Müller fallen ständig die Toupets und Hosen runter – Wilde aus dem Geiste von Gloria Viagra und des Transen-Humors. Fassungslos muss der Dichter zuschauen, wie aus seinem Werk eine hemmungslose Farce wird. Auf eine gemeine Dorian-Gray-Parodie folgt eine Salomé-Hinrichtung. Cathomas haut uns den Kitsch nur so um die Ohren: Bosie posiert als Heiliger Sebastian in Glitzer-Unterhose und wird mit weißen Lilien gepeitscht: Christian Sengewald als dummes Blondchen. Der liebeskranke Wilde wird ihm einen folgenreichen Satz zuraunen: „Jugend ist das Einzige, was Wert hat.“ Wilde war gewiss kein Heiliger, aber hier wird er zum Märtyrer.

Wieder am 29. 9. und 7. 10.

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