Doris Knechts Roman "Alles über Beziehungen" : Ratgeber für Schürzenjäger

Vertrauen ist schlecht, Kontrolle noch schlechter: Doris Knecht weiß in ihrem vergnüglichen Roman „Alles über Beziehungen“.

Carsten Otte
Beherrscht die Kunst der Pointe und Zuspitzung. Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht.
Beherrscht die Kunst der Pointe und Zuspitzung. Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht.Foto: Pamela Rußmann/Verlag

Schon der erste Satz ist ein großer Spaß: „Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme.“ Doris Knecht, die mit diesem Satz unmissverständlich ihre ironisch-distanzierte Erzählperspektive klärt, hätte auch schreiben können: „Reiche, weiße Männer haben auch Probleme.“ Aber das wäre vielleicht etwas zu sexistisch zum Auftakt eines Romans, der auch von Sexsucht und Sexismus handelt. Zudem haben die reichen, weißen Frauen in dieser Geschichte ebenso viele Probleme – womit wir beim Titel und eigentlichen Thema des Romans wären. „Alles über Beziehungen“ heißt das Buch, und man könnte bei diesem Titel meinen, einen Ratgeber vor sich zu haben. Aber laut Umschlag soll es sich um einen Roman handeln, was durchaus stimmt. Der Titel allerdings entpuppt sich schon bald als charmante Lüge – was zum sprachlichen und inhaltlichen Programm des Textes gehört, der sich mit Wahrheiten und Lügen in Beziehungen beschäftigt. So wundert es auch nicht, dass in „Alles über Beziehungen“ natürlich nicht alles über Beziehungen zu erfahren ist.

Doris Knecht erzählt die Geschichte von Viktor, der kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag steht, sich vor der nächsten Lebensdekade fürchtet, denn das Alter passt nicht zu seinem Leben, in dem er den Siegertyp gibt, vor allem was seine Fähigkeit angeht, Frauen zu verführen, Affären zu beginnen und sie rechtzeitig wieder zu beenden. Über seine gesundheitlichen Probleme spricht er äußerst ungern (seine Geliebten wollen verständlicherweise einen gesunden Mann im Bett), für die lästigen Vorsorgetermine hat er im Grunde auch keine Zeit, wäre da nicht der viel zu hohe Blutdruck, der bei seinem Lebenswandel nicht verwunderlich ist: zu viel Alkohol, zu viele Drogen, zu viel Sex mit zu vielen Frauen. Was wiederum bedeutet: zu viel Geheimhaltung und zu viel Stress. Immerhin, als Intendant eines Bühnen-Festivals genießt er die Freiheiten, man könnte auch sagen: die kleinen und feinen Möglichkeiten des Machtmissbrauchs, die ihm der Kulturbetrieb bietet.

Doris Knechts Held Viktor werden all die Termine mit seinen Frauen zuviel

Viktor ist unzufrieden, aber nicht vollkommen unglücklich. Er sucht und genießt nicht nur schnellen Sex mit Josi, Helen, Anja, Camille und wie sie sonst alle heißen. Daheim wartet auch Magda, die ihn heiraten möchte. Was nicht unbedingt sein Herzenswunsch ist. Etwas nervös machen ihn zudem die Rückmeldungen von jenen Verflossenen, die nicht mehr reinpassen ins komplizierte Termingeflecht des viel beschäftigten Schürzenjägers.

Natürlich kommt es, wie es kommen muss. Die Wahrheit kommt raus. Magda erfährt, dass Viktor nicht nur mit ihr, sondern mit vielen Frauen schläft. Womit wir wieder beim Titel und dem Wahrheitsthema und den Fragen wären, die dieser Roman uns allen stellt: Welche Vorstellungen von Treue und Betrug haben wir? Wie viel Freiheit gehört zu einer Partnerschaft? Welche Wahrheit gilt für wen? Im Roman sind die Rollen klar verteilt. Während für Magda eine Welt zusammenbricht, gibt sich eine der Geliebten pragmatisch: „Es war Helen klar, dass sie vermutlich nicht die Einzige war, die Viktor traf, und es war ihr eigentlich egal. (...) Sie kriegte von Viktor ziemlich genau das, was sie wollte, plus, er war wichtig und anerkannt, und sie konnte ihn sich als eine Art unsichtbare Trophäe auf ein Regal in ihrer Kanzlei stellen.“

Doris Knecht ist eine begnadete Kolumnistin, auch im Roman beherrscht sie die Kunst der Pointe

So selbstbewusst die Figur auftritt, so offenkundig ist die Lebenslüge, die Doris Knecht dieser Helen zuschreibt. Denn gewiss ist es auch ihr nicht gleichgültig, dass sie eine unter vielen ist. Wenn es eine Wahrheit gibt in diesem Roman, in dem die Unwahrheit zelebriert wird, dann diese: Einfache Wahrheiten sind ohnehin eine Illusion, wenn es um das Ordnungsgefüge „Beziehung“ geht. Ganz anders sieht es aus, wenn ernste Gefühle walten, wenn die Liebe enttäuscht wird. Dann gelten immer noch die alten Muster von Betrug, Rache und Verzeihen. Aber gibt es Hoffnung? Kann sich Viktor ändern? Soll er seine Sexsucht wegtherapieren? Und welchen Nutzen hätte das für sein Verhältnis mit Magda? Weniger Betrug gleich mehr Wahrheit?

Die im österreichischen Vorarlberg geborene Doris Knecht hat lange Zeit für Magazine und Zeitungen gearbeitet. Sie ist eine begnadete Kolumnistin, und die Kunst der Pointe und Zuspitzung kann man auch in ihrem neuen Roman bewundern. Dabei sollte man keineswegs den Fehler machen, ihre Literatur als „journalistisch“ abzutun. Im Gegenteil: Schon mit ihrem Roman „Gruber geht“, der es 2011 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, bewies sie einen eigenständigen literarischen Tonfall. Nicht so morbid wie Thomas Bernhard, nicht so verbohrt wie Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz, aber doch der österreichischen Suada verpflichtet, hat sie sich zur Spezialistin des literarischen Humors entwickelt: Knechts Dialoge sind so rasant wie lakonisch, die inneren Monologe so überdreht wie luftig. Die Sprachkomik, die sie etwa dem Flirten im SMS-Mail-Messenger-Format abgewinnt, ist im besten Sinne unterhaltsam, weil schrecklich entlarvend.

Treue macht krank, so die Erkenntnis von Doris Knechts Figuren

Wer nach der Lektüre dieses Romans noch gedankenlos Herzchen und lustige Emojis verschickt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Doris Knecht spielt mit ihren Leserinnen und Lesern. Männer werden sich hoffentlich fragen, warum sie Sympathien für einen larmoyanten und zynischen Erotomanen hegen. Frauen werden, wenn sie sich nicht im Männer-sind-sowieso-Schweine-Ressentiment ergehen, vielleicht darüber nachdenken, wie viel Unwahrheit eine „Beziehung“ aushalten kann, darf, sollte.

Das Festhalten am Treue-Dogma jedenfalls, das in der liberalisierten Gesellschaft wieder heftiger eingefordert wird, erscheint bei Knecht genauso neurotisch wie der liebesentleerte Dauerbetrug. Zumal es keine Lösung gibt in diesem Geschlechterkampf um Wahrheit und Lüge. Oder doch? Vertrauen ist schlecht, Kontrolle ist noch schlechter?

Ein Ausschnitt aus dem Cover von Doris Knechts Buch.
Ein Ausschnitt aus dem Cover von Doris Knechts Buch.Foto: Rowohlt Berlin

Es gibt noch eine andere Lesart dieses Romans. Wenn eine Partnerschaft nur noch aus „Beziehung“ besteht und die Liebe mehr oder weniger am Ende ist, wird die sexuelle Bescheidenheit zum Selbstbetrug. Wenn Menschen sich aber wirklich lieben, müssen sie auch nicht über Monogamie und Seitensprünge nachdenken. Diese fürwahr herzerfrischende Botschaft ist zwar nicht neu, aber so unterhaltsam, zeitgemäß und vor allem so klug erzählt, dass „Alles über Beziehungen“ auch als literarische Vorlage für eine Beziehungstherapie dienen kann. Wenn Paare diesen Roman gemeinsam lesen, haben sie sich bestimmt einiges zu erzählen.

Doris Knecht: Alles über Beziehungen. Rowohlt Berlin, Berlin 2017. 288 Seiten, 22,95 €

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