Doris Lessing : Die würdige Greisin

Wie Doris Lessing in ihrer Nobelpreis-Vorlesung für Bildung wirbt – und die Magie des Erzählens.

Jan Schulz-Ojala
Lessing
Nobelpreisträgerin Doris Lessing -Foto: dpa

Schon unangenehm. Eine 88-Jährige, die schimpft. Eine, die sogar wir Immernochleser, seien wir ehrlich, schon halb vergessen hatten, hätte sie nicht unlängst doch noch eben jene Ehrung bekommen, die man ihr schon vor 30 Jahren zugeraunt hatte: den Nobelpreis. Und nun kommt der Montag, an dem sie den höchsten Literatenlorbeer dieser Welt entgegennehmen soll, und statt dankbar zu sein, schimpft sie.

„Wir leben in einer zersplitternden Kultur, in der selbst das infrage gestellt ist, was vor ein paar Jahrzehnten noch Gewissheit war, und in der es ganz normal ist, dass junge Männer und Frauen nach jahrelanger Ausbildung nichts über die Welt wissen, nichts gelesen haben und sich nur in irgendeinem Fachgebiet auskennen, zum Beispiel mit Computern.“

So grob tönt das schon früh in ihrer Nobelvorlesung. Und dann: „Wir haben es da mit einer unglaublichen Erfindung zu tun, Computer und das Internet und das Fernsehen, mit einer Revolution (...) Wie werden wir uns, wie wird sich unser Geist verändern durch dieses neue Internet, das eine ganze Generation mit seinen Belanglosigkeiten verführt hat, sodass selbst einigermaßen vernünftige Leute zugeben, dass man sich nur schwer losreißen kann, wenn man einmal süchtig ist, und es sein kann, dass auf einmal ein ganzer Tag mit Bloggen und Bluggen und so weiter vergangen ist?“

Hm. Bluggen, diese Oma-Wortschöpfung: geschenkt. Und der sämige Kulturpessimismus, die Moderne-Feindlichkeit, die aus derlei Sätzen zu sprechen scheint, überhaupt die Nichtbereitschaft einer fraglos würdigen Greisin, unsere schöne neue Welt zu verstehen: Könnte man locker drüber hinweggehen, zumal sie bloß so herumpoltert. Aber.

Wenn Old Doris vielleicht doch ein bisschen recht hat? Wenn wir uns eingestehen, dass wir nicht nur ein bisschen süchtig sind nach dem nicht mehr gar so neuen Medium; wenn wir zugeben müssen, dass nicht jede kostbare Lebensminute, die wir damit zubringen, über jeden Belanglosigkeitsverdacht erhaben ist? Und dass wir uns schon manches Mal an manch nahezu aussagefreiem Blog festgeglotzt haben, von anderweitigem Schrott ganz zu schweigen?

Andererseits: Lessing geht es erst in zweiter Linie darum, dem „übersättigten Haufen“, von dem sie sich nicht ausnimmt („Mit Ironie und selbst Zynismus sind wir schnell bei der Hand“) die Leviten zu lesen. Eigentlich will sie Gutes tun, das Edle, Wahre und Schöne preisen, und das ist „das Erbe an Sprachen“, die sich immer wieder und überall erneuernde Lust am Geschichtenerzählen, Literatur, Bildung, Überlieferung. Der Kanon eben, den wir Bildungverwöhnten zu verlernen und verlieren drohen.

Vor allem aber preist sie den Hunger nach Bildung. Und widmet den Großteil der Nobelvorlesung tatsächlich anrührenden und erschütternden Erlebnissen aus ihrer Kinder- und Jugendheimat Simbabwe, dem einstigen Rhodesien, wohin sie immer wieder auf Reisen zurückkehrt – und kommt dabei geradezu vorsätzlich ins Erzählen. Das liest sich; mal als Schwärmen, mal als melancholischer Wimpernschlag und immer wieder als Appell. Sie berichtet von unendlich vergammelten Schulbibliotheken, in die die Weißen dieser Welt bloß Ramsch abschieben, sie berichtet von ihrer Mitgliedschaft in einer „kleinen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Bücher in die Dörfer zu schaffen“, sie berichtet von Pionierarbeit, von Mühsal und – immer wieder – von Glück. Sie wirbt für den Gedanken, dass Literatur nur dort entsteht, wo der Umgang mit Literatur schon zu Hause oder in der Schule geübt wird, und bleibt selber doch pessimistisch. Kaum einer unter den Schülern einer kaum mit Lehrmitteln versorgten afrikanischen Dorfschule werde je einen Preis gewinnen, schreibt sie, während jene Londoner Oberschichtschüler, denen die „nackte Armut“ gleichgültig ist und die nur ungern ein Buch zur Hand nehmen, ihren Weg gehen dürften. Selber zynisch folgert sie: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass unter denen welche sind, die Preise gewinnen werden.“

Vielleicht auch, weil sie, liebe Nobelpreisträgerin, mitunter ungeheuer agil und kreativ mit dem von Ihnen gescholtenen Medium Internet umzugehen verstehen? Gleichviel: Doris Lessings Nobelpreistext öffnet den Horizont. Dorthin, wo Menschen tatsächlich von dem träumen, was wir oft bloß noch verschleudern. Und das mit der Verve einer 88-Jährigen, die das Kämpfen nicht verlernt hat: auch nicht schlecht.

Übrigens: Den Nobelpreis kann Lessing morgen in Stockholm krankheitsbedingt nicht selber entgegennehmen, sie schickt ihren britischen Verleger. Aber ihre Vorlesung steht – wo sonst? – im Netz. Als Video. Und für den guten, alten Leser auch als Textdatei, sogar auf Deutsch: http://nobelprize.org

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