Dorota Danielewicz : Himmel über dem Markusplatz

Die Autorin Dorota Danielewicz kam als Kind von Polen nach Berlin. Jetzt erscheint ihr feinfühliges Erinnerungsbuch "Auf der Suche nach der Seele Berlins". Eine Begegnung.

Nicole Henneberg
Dorota Danielewicz
Dorota DanielewiczFoto: Georg Moritz

Der Platz sei nicht leicht zu finden, hatte Dorota Danielewicz am Telefon gesagt, darum nennt sie ihn auch ihr Berliner Bermudadreieck – und das zu Recht. Wer bisher glaubte, das einzige Bermudadreieck Berlins befände sich zwischen „Diener“, „Zwiebelfisch“ und „Paris Bar“ in Charlottenburg, hat noch nie den Steglitzer Markusplatz besucht. Er versteckt sich, von Klaviermusik überflutet, zwischen hohen alten Mietshäusern und scheint aus der Zeit gefallen.

Beim Blick aus ihrem Fenster im dritten Stock auf die Baumkronen, den Kirchturm und die Kunstflüge der Starenschwärme versteht man, warum dieser Ort die Autorin inspiriert – sie kann von hier oben sogar die weißen Hühner des Schulhausmeisters erkennen, die wohlerzogen in der Blumenerde scharren und jeden Abend von ihrem Hütehund nach Hause geholt werden. Verschlungene Wege haben Dorota Danielewicz von Posen nach Berlin und durch viele Stadtviertel bis in diese sanftmütige Straße geführt, und sie erzählt in ihrem klugen Erinnerungsbuch „Auf der Suche nach der Seele Berlins“ vor allem von den Menschen, die sie durch diesen Dschungel geleitet haben.

„In der Erinnerung vollzieht sich alles gleichzeitig“, schrieb die polnische Erzählerin Hanna Krall, die Danielewicz als ihre Lehrerin betrachtet, mit der sie lange gesprochen hat. Ihre Texte hat sie so oft vorgelesen, dass sich die Sprachmelodie tief eingeprägt hat. Die behutsame, aber unbeirrbare Art des Fragens, das genaue Hinschauen und Zuhören hat sie von ihr gelernt, aber auch die Suche nach der einen entscheidenden Frage, die alles in neuem Licht erscheinen lässt.

Die Kapitel ihres Buches sind kunstvoll gebaut, und jede zufällige Begegnung, jeder Blick und jedes Geräusch öffnen neue Erinnerungsräume. Etwa in der besonders schönen Szene in der Paris-Bar, als Danielewicz sich mit ihrer ersten, in Polen zurückgelassenen Liebe Krzysztof trifft, um ihre Briefe auszutauschen – sie schrieb damals verzweifelt und einsam aus dem Aufnahmelager Marienfelde. Am Nebentisch sitzt Otto Sander, einer der Engel aus Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“, und plötzlich scheint die ganze Bar von gefallenen Engeln bevölkert. Porträtiert hat sie der drogensüchtige Künstler, Sammler und Obstgroßhändler Herbert Volkmann, von dem ein Bild dort hängt und dessen letzte Performance sie eindringlich beschreibt.

„Das Klimpern von Münzen, die in einen Fernsprecher geworfen werden, das eiserne Klirren von Fahrstuhlgittern, das Kreischen von Eisenbahnen beim Einfahren in den Bahnhof“ – diese Klänge verschwanden aus ihrem Leben, als sie 1981 nach Ausrufung des Kriegsrechts durch Jaruzelski Posen verließ. Sie war eine „Zwangsmigrantin“; die Eltern verrieten der 16-Jährigen erst in Berlin, dass es keine Rückkehr gab. Von ihren deutschen Wurzeln und vom Dienst des Großvaters im deutschen Heer erfuhr sie hier, was sie aber ebenso wenig tröstete wie die schwejksche Geschichte des Urgroßvaters, der aus Versehen das Eiserne Kreuz verliehen bekam – und damit der Familie nun zur Aufenthaltsgenehmigung verhalf.

Ein traumhafter Studentenjob: DDR-Bürgern Begrüßungsgeld auszahlen

Danielewicz ist eine erfahrene Journalistin, sie hat viele Jahre für Radio Multikulti gearbeitet, war Berlin-Korrespondentin für Radio France International und schreibt für die polnische „Polityka“ und die „Gazeta Wyborcza“. Doch das Wagnis, das sie mit ihrem Buch eingegangen ist, sprengt den Rahmen ihrer bisherigen Arbeit: Sie erzählt sehr ehrlich von ihrer widerstrebenden Annäherung an eine Stadt, die sie anfangs hasste. Der genau festgehaltene Blick des polnischen Mädchens, das mit der Sprache auch mühsam die Stadt zu entziffern lernt, macht diese Geschichten nebenbei zu einer Zeitreise ins alte West-Berlin. Besetzte Häuser und die schäbige Potsdamer Straße fand sie nicht cool, sondern deprimierend, und sie schämte sich, in der Steinmetzstraße zu wohnen. Im besetzten Haus gegenüber lebte der aus der DDR gekommene Schriftsteller Klaus Schlesinger, der ihr viele Jahre später, auf einer gemeinsamen Reise durch Polen, von seinem damaligen Leben erzählte.

„Man wächst mit Orten zusammen wie mit Freunden, mit denen man gute und schlechte Momente im Leben teilt“, heißt es in dem Kapitel „Der zusammengeklebte Teller“, das vom Fall der Mauer erzählt. Die junge Dorota fand damals einen traumhaften Studentenjob: Sie durfte den Menschen aus der DDR das Begrüßungsgeld auszahlen, sah die Begeisterung, die Hoffnungen, hörte die Nöte. Wie überhaupt ihre ständig wechselnden Jobs sie quer durch die Stadt führten und ideal waren, um ungestört zu beobachten: vor einer Messehostess oder Platzanweiserin tarnt und verstellt sich niemand.

Man merkt diesen Geschichten den ethnologisch geschulten Blick an, Slawistik und Ethnologie hat Danielewicz in Berlin und München studiert. Aber die ganz eigene Färbung bekommt ihre Recherche durch ihre in jedem Satz spürbare Sehnsucht nach Verankerung und verbindlicher Nähe an diesem Ort, der ihr so geheimnisvoll vorkommt wie ein noch unentdeckter Kontinent. Das tragische Schicksal des Eskimos Abraham Ulrikab, der mit seiner Familie im Zoo ausgestellt wurde und ein Tagebuch hinterließ, scheint ihr nicht weniger denkwürdig als das ihrer Nachbarn im Aussiedlerheim. Die ganze Stadt ist ein Gewirr unendlicher, miteinander verknüpfter Geschichten – wer weiß, wie es jenem jungen Paar ergeht, das sie in der S-Bahn belauscht, im Zug, der vielleicht, von Engeln blockiert, nicht weiterfährt, um den beiden eine Entscheidung zu ermöglichen. Und immer wieder stößt sie auf existenzielle Verbindungsfäden zu Polen: Die Druckmaschine, auf der in Danzig die ersten Solidarność-Flugblätter gedruckt wurden, kam aus Berlin – besorgt hatte sie der Dichter Adam Zagajewski, einer ihrer Lieblingsautoren.

Der Markusplatz, auf dem die Fäden ihrer Geschichten zusammenlaufen, begann sich wie von Zauberhand neu zu beleben und wird jetzt von einer Bürgerinitiative sorgsam bepflanzt. Wir besuchen das Café, dessen polnische Besitzerin sie wie ihre Großmutter „Dorotusch“ nennt, wo sie den Geschmack ihrer Kindheit wiederfand. Und tatsächlich sitzt dort einer ihrer Kronzeugen, ein pensionierter Polizist, der Kennedy zu seinem berühmten Satz ins Schöneberger Rathaus eskortierte.

Die Antworten, die sie suchte, hat sie nicht gefunden, sagt sie, aber eine Art Gebrauchsanweisung: Vielleicht sei das Mahnmal mitten in der Stadt als Labyrinth gestaltet, „um sich darin zu verlieren und seine Maske abzulegen, um zu vergessen, woher man stammt und weshalb man hierhergekommen ist“.

Dorota Danielewicz: Auf der Suche nach der Seele Berlins. Aus dem Polnischen von Arkadiusz Szczepánski. Europa Verlag Berlin, 2014. 272 S., 18,99 €. Lesung: 22.10., 20 Uhr in der Büchergilde Berlin

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