Kultur : Dorthin will ich mit dir, oh mein Geliebter, zieh’n

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Von Frederik Hanssen

Blühende Zitronenbäume! Schlanke Säulen, antike Tempel! Sanfte Hügelketten im Abendlicht! Seit die Preußen Italien entdeckten (mangels Finanzmasse zumeist nur durch die Reisebschreibungen von Goethe, Seume und Co.), träumen sie vom Land südlich der Alpen, von dolce vita, lauen Nächten und Straßenhändlern, die stets eine Opernarie auf den Lippen haben. Und weil es in Berlin nur einen einzigen Ort gibt, an dem sich ihre Sehnsucht optisch zum Idealbild verdichtet, strömen sie seit zehn Jahren zum Classic Open Air auf den Gendarmenmarkt.

Dass zwischen Deutschem und Französischem Dom eine echte Piazza entstehen konnte, ist eigentlich den Städtebau-Funktionären der DDR zu verdanken: Die nämlich beschlossen, zur 750-Jahr-Feier Berlins die quer über denPlatz laufenden Trassen von Jäger- und Taubenstraße zugunsten einer großen Aufmarschfläche zu eliminieren. Dass heute niemand mehr an diese ideologische Instrumentalisierung denkt, ist auch das Verdienst von Gerhard Kämpfe. Der Konzertveranstalter aus dem Westen war es, der kurz nach der Wende beschloss: Hier machst du klassische Konzerte! - und seinen mutigen Plan im ausklingenden Taumel der Wiedervereinigungseuphorie auch tatsächlich Wirklichkeit werden ließ. Guinessbuch-würdig war gleich das allererste Event im Juli 1992: 10 000 Opernfans erjubelten sich beim Auftritt von José Carreras eineinhalb Stunden lang eine Zugabe nach der anderen.

Mehr als 300 000 Besucher haben seitdem Classic Open Air Konzerte miterlebt - und weil das eine beachtliche Zielgruppe darstellt, war der stets findige Verlag Bostelmann und Siebenhaar zum Zehnjährigen mit einem Erinnerungsbuch zur Hand, das sich wie ein coffee table book geriert (und mit 29,80 € auch so viel kostet), aber letztlich nur eine größere Jubiläumsbroschüre ist. Neben einem Interview mit dem sympathisch wirkenden „Festivaldirektor“ Kämpfe und einem Aufsatz zur Platzhistorie versammelt der Band in ziemlich langweiligem Layout Kurzfassungen der Programme, Anekdoten und eher mäßige Fotografien.

Eines allerdings wird klar: Das Geschäft mit den Freiluftkonzerten ist harte Arbeit. Preußen ist eben doch nicht Italien und der Gendarmenmarkt nicht die Arena di Verona. Auch wenn die Veranstalter beteuern, es habe letztlich nur an vier von 56 Abenden wirklich geregnet, erinnert sich der regelmäßige Besucher doch an manche Momente des Zitterns, sei es vor einem drohenden Gewitter, sei es vor Kälte. Da machte auch der Start in die 11. Saison keine Ausnahme: fiese Windböen begleiteten den ersten, nervige Mini-Regenschauer den dritten Abend.

Traumhaft hätte die Wagner-Nacht am Freitag werden können, wären da nicht zwei Störfaktoren gewesen: Zum einen jene dreisten Parvenüs auf der Penthouse-Terrasse an der Ecke zur Taubenstraße, die glaubten, trotz inständiger Bitten um Zurückhaltung, den 7250 Menschen auf dem Platz durch obstinates hysterisches Gelächter alle Pianissimo-Stellen vermasseln zu müssen. Zum anderen der slow motion- Maestro Roberto Paternostro. Der nämlich zerdehnte die Tempi derart, dass jegliche Spannung aus den Musikdramen wich – so sehr sich die Solistenriege auch um feurige Interpretationen mühte. Zündend war an diesem – mit vier Stunden Spieldauer wahrhaft wagnerwürdigen – Abend allein die Pyrotechnik, die zum „Götterdämmerungs“-Finale das Schauspielhaus effektvoll in Flammen aufgehen ließ.

Wie beschränkt der Vorrat des Klassikmarktes an allgemein bekannten Stars ist, zeigte der Eröffnungsabend am Donnerstag: Obwohl Ramon Vargas längst zu den legitimen Erben der „Drei Tenöre“ zählt, warben die Veranstalter nicht mit seinem n, sondern deklarierten das Konzert sicherheitshalber zum Themenabend unter den alles und nichts sagenden Titel „Sommernacht der Oper“. Vargas zeigte sich trotzdem von seiner besten Seite und heizte den Massen mit Verdi, Puccini, Massenet und Hits aus seiner mexikanischen Heimat ein, während seiner Partnerin Eva Lind die unangenehmen Temperaturen in den lichten Höhen ihres Soprans doch etwas zu schaffen machten.

Am Sonnabendabend ludt die Staatsoperette Dresden zum Ablenkungsmanöver für sorgengeplagte Seelen - und die nach dem gewaltsamen Tod des Berliner Metropol-Theaters heimatlos gewordene Fangemeinde strömte massenhaft. Inmitten der altbekannten Hits gab es hier eine tolle junge Stimme zu entdecken: Judith Kuhn betörte mit üppig blühendem Stimmglanz und jener ungebremsten emotionalen Emphase, wie man sie von den großen Operetten-Aufnahmen der Sechzigerjahre im Ohr hat. Ein Abend süßer Streicheleinheiten, der selbst Trost für die Wetter-Geplagten zu bieten hatte – ganz nach der alten „Fledermaus“-Weisheit: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“

Am Montag spielen die Scorpions auf dem Gendarmenmarkt, am Dienstag gibt’s Webbers Musicalerfolg „Evita“, am Mittwoch das Jubiläumskonzert des Berliner Sinfonie Orchesters. Tickets: 308 78 56 84

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