Kultur : Dostojewski in Ohio

KERSTIN DECKER

Es ist nicht leicht, mit Geistern zusammen zu leben.Geister sind anstrengend.Doch Sethe, die vormalige Sklavin, klagt nicht.Sie weiß ja, es ist ihre Tochter.Wo sollte sie sonst auch hingehen? Draußen der Grabstein - "Beloved" steht darauf - das ist doch nichts zum Bleiben für ein junges Mädchen.

Jonathan Demme hat "Philadelphia" und "Das Schweigen der Lämmer" gedreht."Beloved" ("Menschenkind") ist die Verfilmung von Toni Morrisons Roman.Eine Geschichte, die anfängt, wenn schon alles vorüber ist.Der amerikanische Bürgerkrieg, die Sklaverei.Wenn der Baum, den sie Sethe in den Rücken eingeritzt haben, nicht mehr weh tut.Wenn aller Schmerz endgültig nach innen gegangen ist.Und das Unvorstellbare geschehen: frei sein und trotzdem nicht leben können.Es ist wie eine Dostojewski-Parabel in Ohio.Schuldlos Schuldigwerden und diesem Kreislauf nicht entkommen können.Denn daß Sethe ihre Tochter verlor, ist Sethes Schuld.Es ist nicht zu erklären.Nicht ohne Toni Morrisons gesamten Roman.Nicht ohne die drei Stunden des Films.

Oprah Winfrey ist Sethe.Winfrey hat Amerikas erfolgreichste Talkshow, eine eigene Produktionsfirma und längst die Rechte an Morrisons Buch."Time" zählte sie 1998 zu den hundert einflußreichsten Personen dieses Jahrhunderts, wobei offenbleibt, ob das mehr über "Time" sagt oder über Oprah Winfrey.Aber diese Frau spielt jene vormalige Sklavin mit einer so sonderbaren Stärke und Stille zugleich, als wäre sie immer schon ein Teil von ihr.Das ist das Bezwingende dieses Films: seine gleichsam naturhafte Kraft, seine manchmal beinahe archaische Gewalt."Beloved" tastet sich vor bis an jenen Naturgrund in uns selbst, der sich gewöhnlich der Willkür verschließt.

Menschen, die das Buch gelesen haben, sagen, was bücherlesende Menschen immer sagen: Das Buch ist besser.Vielleicht schon deshalb, weil unsere Vorstellung von Sethes Welt jetzt von einer fremden, ungleich deutlicheren - nicht zu deutlichen? - überwölbt wird.Sowas verzeiht man schwer.Aber gerade aus der Macht seiner Bilder rechtfertigt sich dieser Film.Denn man spürt doch, wie schwer sich diese Geschichte im Kino erzählen läßt.Sethe findet ihre Tochter wieder, um sie gleich wieder zu verlieren, diesmal im eigenen Haus.Mehr sollte man nicht sagen.Denn das Ereignis des Films ist es, wie er sich sukzessive zusammensetzt, so wenig wie möglich erklärt und sich weitet zu einer Landschaft, die Innen und Außen zugleich ist.Doch wie, ohne die Geschichte preiszugeben, die sagenhafte Präsenz von Thandie Newton und Kimberly Elise als Sethes Töchter erklären? Thandie Newton, das "Menschenkind", ist plötzlich einfach da, ein Naturwesen, ein fremder Quell, zweideutig, gut-böse wie alles Ursprüngliche.Fähig zu lieben, fähig zugrundezurichten.Die verlorene, die tote Tochter?

Cinemaxx Colosseum, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmbühne Wien

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