Kultur : Dr. Hoffmann meldet sich nicht

Christian Schröder

Der deutsche Film kann - wieder einmal - gar nicht besser sein. Anfang der Woche knallten bei der Constantin AG in München die Sektkorken. Gerade hatte die Constantin-Produktion "Der Schuh des Manitu" mit 8,85 Millionen Zuschauern auch "Otto - Der Film" überrundet, so dass er nun als erfolgreichster bundesdeutscher Film aller Zeiten gelten darf. Nur Romuald Karmakar wollte nicht mitfeiern. Der Regisseur, dessen "Der Totmacher" vor fünf Jahren in Venedig preisgekrönt wurde, fasste die Lage in einem FAZ-Interview zusammen: "Es gibt kein deutsches Kino mehr." In den Fördergremien würden Fernsehredakteure über die Produktion von Kinofilmen entscheiden, "und in erster Linie werden natürlich die Filme produziert, die eine Chance haben, im Fernsehen gezeigt zu werden". Die Klage über die fortschreitende TVisierung des deutschen Films ist nicht neu, bei Karmakar klingt sie nur besonders larmoyant, weil er mit seinen letzten Projekten an den Gremien gescheitert ist. Aber, Hand aufs Herz: Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal großes deutsches Kino gesehen haben? Oder, auch das wäre schon viel: gutes deutsches Kino?

Engel und Joe treffen sich auf der Domplatte vor dem Kölner Hauptbahnhof. Engel ist 17 und lebt schon so lange auf der Straße, dass er sich nicht mehr erinnern will, wie er wirklich heißt. Joe ist 15 und von zuhause weggelaufen, wo die tablettenabhängige Mutter wieder einmal von ihrem neuen Freund zusammengeschlagen wurde. "Es ist eine Scheiße alles", sagt Engel irgendwann. Und, noch leiser: "Ich liebe dich." Da hat Engel Joe vor ein paar Skinheads gerettet, die sie anmachen wollten, ist mit ihr in die Abrissfabrik gekrochen, in der er lebt, sie haben die Nacht gemeinsam verbracht, ohne miteinander zu schlafen, haben sich durch weitere Tage und Nächte treiben lassen, einander verloren und wiedergefunden, und alles war sehr aufregend und intensiv.

Eine Liebe, so groß

Darum geht es in "Engel & Joe": eine Liebe, die so groß ist, dass sie sich gegen die ganze Welt behaupten kann. Die alte Romeo & Julia-Geschichte, versetzt ins Deutschland-ganz-unten-Milieu der Dosenbier- und Klebstoffschnüffelkids. Die Protagonisten heißen hier "Ringo", "Spasti" oder "Asi", und es kann durchaus vorkommen, dass einer von ihnen im Drogenrausch von einem Betonpfeiler stürzt. Joe ist stärker als Engel. Selbst als sie in der Gosse schläft, steht sie morgens pünktlich auf, um in die Schule zu gehen. Engel hingegen verliert sofort den Halt, wenn er sich nicht mehr geliebt fühlt, macht mit einem anderen Mädchen rum, raucht Heroin, wird kriminell. Dabei träumen Engel und Joe bloß von einer bürgerlichen Zukunft. Von den Bergen erzählt Joe immer wieder, in denen ein neues Leben beginnen soll. Am Ende fahren Engel und Joe dorthin, mit dem Baby auf dem Arm, dass Joe von einem anderen bekommen hat. Wie die Heilige Familie bei der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten sehen sie da aus.

Die Vorlage für "Engel & Joe" war eine Reportage, die Kai Hermann im "Stern" über obdachlose Kinder am Berliner Alexanderplatz geschrieben hatte. Von Hermann stammt auch die Großreportage "Die Kinder vom Bahnhof Zoo", die in den achtziger Jahren verfilmt wurde. Vanessa Jopp, mit "Vergiss Amerika" als Regietalent aufgefallen, versetzt die Handlung von Berlin nach Köln und setzt ganz auf eine Hochgeschwindigkeitsdramaturgie. Die Handkamera, immer dicht am Geschehen, wackelt gefährlich, der Schnittrhythmus erinnert an das Stakkato von Musikclips. Zielstrebig immer tiefer hinab führt das Drama, von der Straße auf den Strich, in die Notaufnahme, in den Knast. Ein Höllen-Furor, der den Film spätestens nach einer Stunde aus der Kurve trägt. Robert Stadlober ("Crazy") spielt seinen Engel als linkischen Punk zu deutlich als Sid-Vicious-Kopie. Jana Pallaske jedoch wirft sich mit einer wütenden Verletzlichkeit in die Rolle der Joe, dass man sie eine Entdeckung nennen müsste, wenn sie das nicht schon in "alaska.de" gewesen wäre.

Eine Liebe, frei nach Knigge

"Engel und Joe" haben zu viele Probleme, die Hauptfigur aus "Mondscheintarif" hat nur eines: Sie ist Single. Auch diesem Film liegt der Text einer "Stern"-Autorin zugrunde, allerdings nicht aus dem Ressort "Politik", sondern "Unterhaltung": der gleichnamige Bestsellerroman von Ildikó von Kürthy. Cora Hübsch heißt die Heldin in Roman wie Film, wir sehen sie meistens, wie sie in ihrer Berlin-Mitte-Wohnung am Telefon sitzt und wartet. Sie wartet auf den Anruf von Dr. Daniel Hoffmann, ihrem Traummann. Und rezitiert aus dem Liebes-Knigge: "Normalerweise ruft ein Mann eine Frau, mit der er zum ersten Mal Sex gehabt hat, drei Tage später an. Spätestens ruft er sie an dem auf den Geschlechtsverkehr folgenden Wochenende an."

Aber jetzt ist schon Wochenende, Dr. Hoffmann meldet sich nicht, Cora durchleidet Höllenqualen. In Rückblenden wird die Affäre aufgerollt. Wie Cora ihren Traummann in der Arztpraxis entdeckt, wie sie mit ihm ausgeht, dabei (fast) alles verpatzt, sich buchstäblich in den Boden schämt, wie sie sich von ihrer besten Freundin Jo (eiskalt: Jasmin Tabatabai) coachen lässt. Gruschenka Stevens ist hinreißend als Cora, Tim Bergmann als Dr. Hoffmann bleibt eine dekorative Projektionsfläche. "Mondscheintarif", von Ralf Huettner ("Die Musterknaben") flott inszeniert, ist ein Nachzügler der Beziehungskomödienwelle, Entspannungskino ohne Ambitionen. Wenn das Paar sich schließlich findet, wird alles gut und über die Leinwand rollt der Abspann. Bei Opas Kino in den fünfziger Jahren war das nicht anders.

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