Kultur : Dr. phil. Harmonie (Glosse)

Frederik Hanssen

Manchmal hilft nur noch der Doktor. Jahrelang tätschelt einem der Arbeitgeber jedes Mal väterlich die Schulter, wenn das Reizwort "Gehaltserhöhung" fällt - und hinterher bewegte sich doch nichts auf dem Gehaltszettel. Immer wieder frisst man den Gram darüber in sich hinein, bis sich schließlich die Magenwände vor lauter Bitternis aufzulösen beginnen. Ein Gefühl, das die Musiker des Berliner Philharmonischen Orchesters leider ziemlich gut kennen. So oft sie gegenüber dem damaligen Kultursenator Peter Radunski auf ihre Nöte hinwiesen, stets kam nicht mehr als eine Bemühenszusage heraus. Natürlich dürfe man nicht tatenlos zusehen, wie immer öfter Orchestersolisten von Musikhochschulen abgeworben würden. Natürlich sei es alarmierend, dass der Gehaltsunterschied zwischen den Philharmonikern und den wichtigen Rundfunk-Orchestern inzwischen so zusammengeschrumpft sei, dass sich viele Spitzen-Nachwuchskräfte nicht mehr dem Risiko einer zweijährigen Probezeit bei den Berlinern aussetzen mögen. Aber an die Wurzel des Übels - die unverschuldete Unmündigkeit des Orchesters - traute sich der behandelnde Senator nicht. Stattdessen verordnete er ein Expo-Konzert mit den Scorpions zur Aufbesserung der Portokasse.

Kein Wunder, dass der Orchestervorstand aufmerksam wurde, als sich im letzten Jahr ein Spezialist in der Stadt niederließ. Schließlich stand auf dem Türschild: Dr. phil. Das ist unser Mann, dachten sich die Philharmoniker - und ließen sich schnell einen Termin bei Michael Naumann geben. Der hörte sich aufmerksam die Beschreibung der Krankheitssymptome an und schlug folgende Therapie vor: Das Orchester wird von der Landes- in die Bundeshoheit transplantiert und erhält zudem eine Geschlechts- und Rechtsformumwandlung von einem unselbständigen Amt des Senats in eine öffentlich-rechtliche Stiftung. Das regt den Geschäftsgeist an, macht fit für den harten Kampf um Verkaufszahlen und Sendeplätze und steigert im Idealfall das Gehaltsniveau. Nach der Methode Hesse: Nimm Abschied und gesunde. Das Beste dabei: Der Eingriff hinterlässt keinerlei Narben. Nach außen hin bleibt das Orchester das, was es ist: das Berliner Weltklasse-Ensemble mit fast 100 Auftritten vor Ort pro Saison. Sollte bei der Operation alles glatt gehen, ist Michael Naumann der erste Ehrendoktor des Berliner Philharmonischen Orchesters sicher: honoraris causa.

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