Kultur : "Dr. T and the Women": Ein Mann für gewisse Sekunden

Daniela Sannwald

Beim Anblick der kostbaren Kristallgläser rastet sie aus. Tänzelnd verlässt sie den Laden, singend legt sie ein Kleidungsstück nach dem anderen ab, um schließlich nackt in den Brunnen zu steigen, das Zentrum der marmorverkleideten Shopping Mall von Dallas. Vergnügt planscht sie darin herum, bis man sie mit größtmöglicher Diskretion entfernt - schließlich ist sie die Gattin des Schickeria-Gynäkologen Sullivan Travis, kurz Dr. T genannt. Und Dr. T ist ein Traummann, wie vom Cover eines Arztromans heruntergerutscht: reich, schön, charmant und einfühlsam. Was also kann seiner Frau fehlen? Nichts. Sie hat, im Gegenteil, zuviel. Sie krankt daran, dass es ihr zu gut geht, und dagegen hat auch Dr. T kein Heilmittel.

Da fast alle seine Patientinnen an der gleichen Krankheit leiden, muss er innerhalb seiner Praxis zumindest so tun, als ob. Und das macht er großartig. Ob ein Lächeln, eine Hand auf dem Oberarm, ein paar mit fester Stimme gesprochene tiefsinnige Worte: Immer gibt Dr. T den reichen Frauen jeder Altersgruppe das Gefühl, mit ihnen zu fühlen. Kraft seiner bloßen Präsenz lindert er existenzielle Schmerzen. Und viele hundert Dollar rollen täglich in seine Kasse.

Privat allerdings leidet er selbst am Leben. Nicht nur die kranke Frau, auch deren Schwester und vor allem seine zwei erwachsenen Töchter zerren an ihm. Entspannung findet er bei rustikalen Jagdausflügen mit den Boys und bei der burschikosen Golf-Trainerin Bree, die aus dem Nichts auftaucht und ebenso plötzlich wieder verschwindet. Eines Tages jedoch, am Hochzeitstag seiner Tochter, verliert er sein mühsam aufrecht erhaltenes Gleichgewicht.

Richard Gere, lange Zeit als "the sexiest man alive" gehandelt, ist nun Robert Altmans Dr. T und damit eine vorzügliche, ironische Besetzung. Denn als Dr. T muss er genau das tun, was seinen Reiz bereits als "American Gigolo" (1980, Regie Paul Schrader) ausmachte: Verständnis und Verfügbarkeit signalisieren. Und da Gere noch immer diesen wunderbar unnachahmlichen Gang hat, kann man Dr. T als die Fortschreibung des "Mannes für gewisse Stunden" mit anderen Mitteln betrachten. Die Klientel ist ohnehin die gleiche: reiche, unzufriedene Frauen in den mittleren Jahren.

Richard Gere scheint mittlerweile seine Möglichkeiten und Beschränkungen als Schauspieler realistisch einzuschätzen. Auch über die Ironie seiner Besetzung ist er sich im Klaren; und so verkörpert er Dr. T mit der milden, abgeklärten Nachsicht gegenüber der Welt und sich selbst, die nur jemand haben kann, der sehr viel gesehen hat von beidem. Das trifft wohl auf Figur und Darsteller zu.

Und die Frauen? Sie sind laut, neurotisch, hypochondrisch, hysterisch. Sie sind eifersüchtig, eitel und konkurrieren dauernd miteinander. Sie sind albern, Besitz ergreifend, sexbesessen und unreflektiert, egal in welchem Alter. Sie benehmen sich nicht besser als in George Cukors "The Women" von 1939, der immer wieder auch als sexistisches Machwerk eines schwulen Frauenhassers gebrandmarkt wurde. Noch dazu besteht Robert Altman darauf, dass die reichen Frauen in Dallas eben so seien. Und wenn man an die Ewings in "Dallas" denkt ...

Nur eine Lichtgestalt gibt es. Sie wirkt in beigefarbenen Sweatern so frisch geschrubbt wie eine Krankenschwester und ist dabei wasserfest, vernünftig und tolerant: die Sportsfrau Bree, gespielt von der wieder sehr beeindruckenden, charmanten Helen Hunt. Aber, und auch dies ist eine kleine Boshaftigkeit dieses Films: Dr. T kriegt sie nicht wirklich. Richard Gere als verschmähter Liebhaber? Nein, so weit geht auch Robert Altman nicht, trotz aller Freiheiten, die einem Altmeister zugestanden werden.

Es passieren aber andere, sehr ungewöhnliche Dinge am Ende dieses Films, an dem ein furchtbarer Wolkenbruch niedergeht. Und diese Ereignisse lassen die vorherigen Geschichten rückwirkend in einem ganz anderen Licht erscheinen. Und sogar als begossener Pudel macht Richard Gere noch eine gute Figur.

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