Kultur : Dr. W. & Mr. Wagner

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Christine LemkeMatweystaunt

über den Herrscher des Hügels

Die Welt, so scheint es, war schon immer gegen Wolfgang Wagner, den Chef der Bayreuther Festspiele seit 1951. Jedenfalls ein bestimmter Teil der Welt: Die Alt-, Neu- und Dauer-68er des Kulturbetriebs, die Medien – und jene Mitglieder des Wagner-Clans, die ebenso hartnäckig wie vergeblich rund um den Grünen Hügel an ihren Zukunftschancen knabberten. Für Wolfgang Wagner waren allenfalls seine Frau Gudrun, ein paar erzreaktionäre Richard-Wagner-Verbände, der bayerische Kunstminister Hans Zehetmair (bis 2000) und ganz Japan.

Selbstverständlich hatten die Gegner Recht: Der „Alte“ gerierte sich offen diktatorisch, verteilte Hausverbote wie fränkische Bratwürste, machte auf Pressekonferenzen ahnungslose Kritiker zur Schnecke und merzte binnen einer einzigen Saison den florierenden Schwarzmarkthandel aus. Außerdem inszenierte er auch noch selber. Und räumt bis heute nicht seinen Stuhl. Und spricht – „faktisch, praktisch“ – Dialekt. Am 30. August wird Wolfgang W. 84 Jahre alt.

Ein Ekel, ein Unverbesserlicher, sagen die einen. Ein Original, sagen die anderen. Jetzt haben beide Parteien ein Problem. Denn seit es mit Wagners eigenem Regiedrang unwiderruflich vorbei ist, wirft der „Alte“ seine juvenilen Kräfte ganz auf die Avantgarde. Claus Guth, Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler, Lars von Trier – die Liste der neu verpflichteten Regisseure liest sich in der Tat wie ein Who Is Who des Feuilletons. Prompt schlägt dieses zurück: Wagner sei von „Alterswildheit“ befallen, so die „FAZ“, die „Süddeutsche“ spricht von „Propaganda“, und Klaus Zehelein – Stuttgarter Opernintendant, Präsident des Bühnenvereins und sozusagen der Regietheater-Beauftragte der Republik – warnt gar davor, Wagners Pläne könnten „gedankenlos, konzeptionslos und ohne Vision“ sein.

Jetzt hat Wolfgang Wagner dem „Spiegel“ ein Interview gegeben. Daran ist zum einen bemerkenswert, dass er es überhaupt gegeben hat; zum zweiten, dass er fleißig aus der Schule plaudert (so soll Lars von Trier, der „Ring“-Regisseur 2006, eine ganze Nacht lang mit Taschenlampen durchs leere Festspielhaus gewandert sein); und zum dritten, dass ausgerechnet er etwas gelernt zu haben scheint. Wagners Analyse der gegenwärtigen Opernlandschaft jedenfalls kann sich hören lassen: Ästhetisch herrschten „festgefahrene und ausgelutschte Praktiken“ vor, es würden vielfach nur „Mogelpackungen“ abgeliefert. Mag sein, dass der „Alte“ hier aus eigener, leidvoller Erfahrung spricht – weder Philippe Arlaud noch Keith Warner oder Jürgen Flimm nämlich, die Regisseure der jüngsten Neuproduktionen, hielten, was sie längst niemandem mehr versprachen. Mag auch sein, dass er denkt: Nach mir die Sintflut – und Gudrun wird’s schon richten. In jedem Fall wollen jetzt nicht mehr nur die Japaner nach Bayreuth. Das ist doch schön.

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