Kultur : Drache im Glück

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Siegfried Matthus weiß es: Kinder sind ein besonders kritisches Publikum.So hat er 1996 bei der Uraufführung seiner "Unendlichen Geschichte" in Frankfurt (Oder) besonders vor dem Urteil seiner Enkelin Elsa gezittert.Doch es fiel günstig aus, und auch am Sonntag vormittag in der Komischen Oper hörte nun ein junges Publikum gebannt zu, als seine Orchesterfantasie nach dem Roman von Michael Ende erklang.

Bastian, der Held der literarischen Vorlage, wird durch seine Lektüre in die Welt Phantßsiens entführt.Hier geht die etwa einstündige Reise in eine Welt phantastischer Klänge, die Figuren, Situationen und Stimmungen charakterisieren: Bedrohlich wabern die "Wolken des Nichts" durch das Orchester, tief, dumpf und behäbig steckt die uralte Sumpfschildkröte Morla ihren Kopf aus dem Panzer, wilde Schlagzeugbataillen schildern den Kampf des Glücksdrachens Fuchur gegen den Werwolf Gmork.Virtuos bedient sich Matthus des Repertoires musikalisch-illustrativer Gestaltung, prächtig einstudiert vom Orchester der Komischen Oper unter Leitung Ingo Ingensands.Die eigentliche Handlung wird durch Zwischentexte angedeutet, die Gerd Wameling vortrug, wobei er jedem der phantastischen Geschöpfe eine eigene Sprachnuance gab.Die Geschichte endet, anders als im Buch, mit der magischen Benennung der Mondkönigin: Bastian tritt handelnd in die Welt des Romans ein, den er liest.

Mit seiner ganz eigenen musikalischen Sprache, die gegenüber letzten Orchesterwerken wie dem "Manhattan Concerto" keine gravierende Veränderung zeigt, vermag Matthus sein jugendliches Publikum zu fesseln.Er will sinnlich unterhalten, tönend vermitteln, verstanden werden - und das teilt sich niemandem unmittelbarer mit als Kindern.Aus dieser Wurzel rührt der bemerkenswerte Erfolg des Komponisten abseits des forciert Neuen oder Avantgardistischen.Es ist ein großes Verdienst, daß Siegfried Matthus dieses Potential zu einer Form der musikalischen Bildung einsetzt, die Freude bereitet.

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