Drake live in Berlin : Böller und Bälleballett

Der kanadische Rapper und Sänger Drake gab in Berlin ein Arena-Konzert, bei dem er seinen Superstarstatus unter Beweis stellte, aber etwas zu viel redete.

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Der kanadische Popstar Drake in Berlin.
Der kanadische Popstar Drake in Berlin.Foto: DAVIDS/Gerald Matzka

Durch die Dunkelheit schwebt eine pinke Kugel von der Decke herab. Sie stoppt in der Bühnenmitte, genau auf Drakes Kopfhöhe. Nicht sehr laut ist der Anfang des Soulsongs „Why Can’t We Live Together“ zu hören, jenes 1973 von Timmy Thomas geschriebene und bereits von Sade gecoverte Stück, das die Grundlage von „Hotline Bling“ war und Drake im vorletzten Jahr einen Megahit beschert hat

Es wirkt, als wolle sich der 30-jährige Kanadier in diesem andächtigen Moment - es ist der ruhigste der gesamten Berliner Show - bei seinem 1944 geborenen, zwischenzeitlich vergessenen Kollegen bedanken. Die pinke Kugel steht für Thomas’ musikalische Idee. Und wie um zu sagen: Schau, was ich Großes daraus gemacht habe, startet nun „Hotline Bling“ - und mehrere Dutzend rosa Leuchtkugeln ploppen von der Hallendecke, verharren in unterschiedlichen Höhen, schweben auf und ab.

Dieser abstrakte 3 D-Pointillismus sieht wunderschön aus und ist der spannendste Showeffekt von Drakes 90-minütigem Konzert. All die Feuerfontänen, Böller und Raketen, die während des Auftritts regelmäßig abgefackelt werden, verblassen angesichts des eleganten Bälleballetts.

Ständig fragt er, wie es den Leuten geht

Drake setzt nicht nur auf optische Überwältigung. Er gibt auch den wortreichen Charmeur, den Partyeinheizer und liebevollen Star, der um größtmögliche Nähe zu seinen Fans bemüht ist. Immer wieder fragt er: „Wie geht es der linken Seite? Wie geht es der rechten Seite? Was macht meine Hallenmitte?“ Auch mit den Liebeserklärungen an Berlin und Deutschland übertreibt er es. Als wüssten wir nicht, dass er am nächsten Tag in Hamburg genau dasselbe erzählen wird. Die hohe Schule der nordamerikanische Pop-Dienstleistungsrhetorik zelebriert Drake dann mitten in seinem R’n’B-Hit „Hold On We’re Going Home“. Er stoppt, zeigt auf ein Pärchen im Unterrang, lässt es auf die Leinwände projizieren und fragt, wie lang die beiden schon zusammen sind. „Zwei Jahre! Wow, bei mir dauern Beziehungen gerade mal zwei Wochen.“ Das ist zwar schade für ihn, aber lieber als diese Information hätte man den Rest des Songs gehört.

Kaum ein Song wird ausgespielt

Vollständige Lieder stehen an diesem Abend ohnehin kaum auf dem Programm. In einem Block mit drei Stücken aus seinem aktuellen Album „Views“ gibt der Rapper und Sänger nur Kurzversionen zum Besten. Einmal packt er einen ganzen Haufen Hooks aus seinem inzwischen schon recht umfangreichen Werk zu einem Medley zusammen. Selbst Stücke wie „Worst Behaviour“ tippt er nur an - eine verschwenderischen Geste zur Demonstration der eigenen Größe. Wer so viele Hits hat, kann da auch einfach mal kurz durchzappen, das nächste Highlight kommt bestimmt.

Drake strahlt mit jeder Faser und jeder Zeile aus, dass er sich seines Superstar-Status' bewusst ist. Er befindet sich mit dieser „Boy meets World“-Tournee auf dem Karriere-Zenit. Sein Ego und seine Souveränität sind in den drei Jahren, als er zuletzt in der Großarena am Ostbahnhof zu Gast war, um ein Vielfaches gewachsen. Drake hat Grund dazu. Diesmal ist die Halle im Unterschied zum letzten Mal ausverkauft, „Views“ war in den USA 2016 das meistverkaufte und meistgestreamte Album und gerade hat er in England lauter zweitägige Arena-Engagements absolviert. Hierzulande ist die Begeisterung zwar nicht auf demselben Niveau, doch das Berliner Publikum zeigt sich von Beginn an so tanzfreudig wie textsicher. Wann immer Drake das Mikrofon in die Menge hält, haben die jungen Leute die richtige Zeile parat - ob gesungen oder gerappt.

Drake hat sich von seinen Mentoren emanzipiert

Mittlerweile hat sich Drake vollständig von seinen früheren Förderern und Mentoren wie Lil Wayne, Jay Z und Kanye West emanzipiert. Letztere waren ursprünglich als Gast-Rapper auf seiner Single „Pop Style“ zu hören, in der Albumversion fehlten ihre Stimmen. Der Kanadier hat die Kollegen überflügelt. Ein umjubelte Gastauftritt von Kanye West wie bei Drakes letztem Berlin-Besuch scheint heute undenkbar - nicht nur wegen dessen traurigem Trump-Fantum.

Der karibisch inspirierte Teil funktioniert gut

Von den Stars ist allein Rihanna seiner weiterhin würdig. Zwei der zahlreichen Duette mit seiner Ex-Freundin zelebriert Drake ausgiebig. Vier Tänzerinnen kommen hinzu, Rihannas Stimme wird eingespielt: Auf „Work“ von ihrem letzten Album folgt „Too Good“, das den orange-gelb ausgeleuchteten, starken Tropical-Konzertteil einläutet. Drakes Hinwendung zu karibischen Einflüssen ist ein ungemein smarter Schachzug der Sound- und Fandiversifizierung. Das munter hüpfende „One Dance“, sein großer Hit aus dem letzten Jahr, kommt sogar vollständig zur Aufführung - inklusive eines Gesangsduells der linken gegen die rechte Publikumshälfte.

Zum Schluss wird ein Riesenballon in der Hallenmitte aufgeblasen, der mal wie ein Eisplanet und schließlich wie ein Feuerball leuchtet. Drake tigert drumherum und gerade als er zu den Trap-Beats von „Energy“ rappt „I got enemies, got a lot of enemies/ Got a lot of people tryna drain me of my energy“ beginnt eine Klopperei im Block 206. Die Security reißt die Streitenden sofort auseinander. Ein kurzer Schock, der bei Drakes Love & Peace-Rede zum Abschied schon wieder vergessen ist. Positive Energie ist eben stärker.

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