Dramatiker : Joshua Sobol: Der Kosmopolit

Er wurde durch seine Theaterstücke über die jüdische Geschichte der bekannteste israelische Dramatiker in Deutschland. Zum 70. Geburtstag von Joshua Sobol.

Igal Avidan
296055_0_7e004588.jpg
Joshua Sobol -Foto: ddp

1985 brachte Joshua Sobol ins Düsseldorfer Schauspielhaus „Weiningers Nacht“, ein Stück über den österreichischen jüdischen Philosophen Otto Weininger. Dieser wurde durch sein juden- und frauenfeindliches Werk „Geschlecht und Charakter“ und seinen Selbstmord mit 23 Jahren in Beethovens Sterbehaus in Wien berühmt. Im Mittelpunkt von Sobols Welterfolg „Ghetto“ von 1984 (Peter Zadek inszenierte an der Freien Volksbühne Berlin) steht die Konfrontation zwischen zwei Juden im Ghetto Vilnius, einem sozialistischen Intellektuellen und dem rechtsnationalen Ghetto-Kommandeur. In „Bloody Nathan“ verwandelte er 1996 im Wiener Volkstheater Lessings Figur in einen „blutigen“ Nathan, der seine Absage an den Hass verwirft und selbst zum Gewalttäter wird. Jetzt schreibt Sobol ein Drama über eine jüdische Persönlichkeit: Jud Süß, das 2010 in den Nibelungen-Festspielen in Worms aufgeführt wird.

Joseph Süß Oppenheimer war zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein erfolgreicher jüdischer Geschäftsmann in Europa. Herzog Carl Alexander von Württemberg nominierte ihn zu seinem Finanzrat. Seine Verwaltungsreform und Steuerpläne erregten den Unmut des Volkes im provinziellen Württemberg ebenso wie seine jüdische Herkunft. Nach dem Tod des Herzogs, wurde Oppenheimer verhaftet und zum Sündenbock der feudalen Unterdrückung gemacht. 12 000 Menschen schauten 1738 seiner Hinrichtung zu.

Sobol dient die historische Figur nur als Ausgangspunkt, um über die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden heute zu schreiben. Für ihn ist Süß eine bedeutende Metapher unserer Zeit. „Diese Figur ist einer der Gründe dafür, dass deutschsprachige Juden unbewusst begannen, sich dem Zionismus anzunähern“, sagt Sobol. „Jud Süß war gottlos, ein Atheist. Und ein Jude wird nur solange geduldet, bis man einen Grund findet, ihn zu erhängen.“ Abgelehnt wurde Süß laut Sobol, weil er ein Pionier der Moderne war. „Man warf ihm wie vielen Juden vor, sie seien kosmopolitisch und keine Patrioten.“ Solche Vorwürfe kennt der linksgerichtete Dramatiker gut. Sein Stück „Das Jerusalem Syndrom“, in dem er die jüdische Ultrarechte attackierte, löste so heftige Proteste aus, dass er für drei Jahre nach London übersiedeln musste.

Über 100 Jahre nach seiner Hinrichtung wurde Jud Süß in zahlreichen antisemitischen Schriften in Deutschland diffamiert und erst später differenzierter, als willkommener Sündenbock dargestellt, so in Lion Feuchtwangers gleichnamigen Bestseller von 1925. Das Werk wurde sogar ins Hebräische übersetzt und 1933 von Paul Kornfeld im Tel Aviver „Habimah“-Theater aufgeführt.

Über den Inhalt seines Stücks verrät Sobol nur so viel, dass sein Protagonist ein Machtmensch sei, „wie Rothschild oder Marx, ein Ökonom der Zukunft, ein Pionier der Globalisierung, der eine offene Gesellschaft propagiert. Zugleich ist er ein zerrissener Mensch, der mit seinem orthodoxen Onkel diskutiert, ob er dadurch, dass er die jüdische Religion verlassen hat, von der christlichen Mehrheit akzeptiert wird“. – „Du drängst in ihre Gesellschaft, Wirtschaft und sogar Bettzimmer“, antwortet der Onkel. „Dadurch löst du ihre Ängste aus.“

Diese Ängste wussten die Nazis zu schüren. Daher produzierten sie Veit Harlans Film „Jud Süß“, der die Nürnberger Rassengesetze rechtfertigen sollte und den Juden als unmoralisch und als Vergewaltiger der Deutschen darstellte. Sobol findet Harlans Film „ekelhaft und primitiv. Goebbels wollte die Figur Jud Süß nicht verstehen“. Er betont, dass Süß sich vor allem für Finanzen und Investitionen interessiert hätte, nicht für Frauen. „Aber er war liberal und hatte eine enorme Ausstrahlung auf Frauen.“

Sobol, der an der Sorbonne in Paris Philosophie studierte und in Israel als Journalist arbeitete, bevor er sozialkritische Dramen schrieb, hat in Israel oft Proteste ausgelöst. Damit rechnet er in Worms nicht. Sein „Jud Süß“ könnte dennoch eine Debatte über anti-israelische Ressentiments als eine neue Form des Antisemitismus auslösen. Denn er stellt den jungen säkularen Israeli als einen modernen Jud Süß dar: ein Kosmopolit, ein Weltbürger, der überall seine Geschäfte treibt und daher auch Widerspruch hervorruft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben