Kultur : Draußen gibt’s nur Tränchen

Christine Wahl

Morgen beginnt das Berliner Theatertreffen, die traditionelle Mai-Parade der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison. Da fehlt es meist an nichts, außer an Eintrittskarten. Wer keine mehr bekommt und nicht risikofreudig genug ist, um sich mit handgemalten „Suche Karten“-Schildern vorm Spielort aufzustellen, muss über qualifizierte Alternativen nachdenken. Die gute Nachricht: Es gibt sie. Und die noch bessere: Sogar kostenlos! Zum Beispiel „La Marea“ (9.–12.5., 21 Uhr30), ein vom Hebbel am Ufer eingeladenes Open-Air-Event des argentinischen Regisseurs Mariano Pensotti auf der Kreuzberger Wrangelstraße : Zwei Stunden lang sind auf dem Abschnitt zwischen Falckenstein- und Oppelner Straße parallel jeweils zehnminütige Szenen zu sehen: Während ein Paar schwer daran laboriert, seine Beziehung zu beenden, wägen zwei andere Zeitgenossen in einer CD-Handlung gerade ab, ob sie sich füreinander interessieren. Ein Mann hatte soeben einen Motorradunfall; und ein Barkeeper liest während des laufenden Barbetriebes den Brief seines Freundes, eines Soldaten im Irak. Der Clou an Pensottis ursprünglich für Buenos Aires entwickeltem Format besteht darin, dass sich Kunst und Lebenswirklichkeit auf eine selten konkrete Weise miteinander verbinden: Die Theatergänger, die von Szene zu Szene schlendern und voyeuristisch von draußen in Fenster schauen, mischen sich mit Zufallspassanten; inszeniertes Spiel trifft auf die kiezeigene Allabendroutine. Und damit Letztere die Kunst nicht hoffnungslos übertönt, werden die insgesamt neun Szenen des Projekts nicht gesprochen, sondern ihr Text mit Untertiteln auf Wände projiziert. Danach kann man gleich am Spielort, zum Beispiel der Kneipe, sitzen bleiben.

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