Kultur : Draußen im Dschungel

Oregon-Connection: William Friedkins „Die Stunde des Jägers“

Christian Schröder

Am Ende, wenn nach 95 Minuten die Titel des Abspanns über die Leinwand laufen, ist die knarzige Stimme von Johnny Cash zu hören. Sie erzählt die Geschichte von Abraham und Isaak. Wie Gott zu Abraham sagt: „Gib mir dein Kind!“, und wie Abraham dann einen Altar baut, auf dem er Isaak, seinen einzigen Sohn, opfern will. Als Abraham das Messer schon an Isaaks Kehle angesetzt hat, kommt ein Engel und fällt ihm in den Arm. Gott will kein Blutvergießen.

„Die Stunde des Jägers“ handelt, wie die Geschichte von Abraham und Isaak, von einem Vater-Sohn-Konflikt. Doch anders als das Alte Testament hat der Film kein Happyend. Und das Blut fließt in Strömen.

L.T. Bonham (Tommy Lee Jones) ist zwar nicht der biologische Vater von Aaron Hallam (Benicio Del Toro), war aber sein Ausbilder bei einer Eliteeinheit der US Army, gewissermaßen sein Übervater. Um hinter feindlichen Linien zu überleben, das hat L.T. seinem Musterschüler beigebracht, muss ein Einzelkämpfer möglichst schnell und lautlos töten, am besten also mit dem Messer oder der bloßen Hand.

Der Film beginnt mit einer Rückblende in den Kosovokrieg, in der Aaron den Anführer eines serbischen Killerkommandos umbringt. Aaron ist eine perfekte Kampfmaschine, doch irgend etwas ist schief gegangen mit seiner Programmierung. Nach dem Krieg bekommt er einen Orden und macht mit dem Töten weiter, jetzt aber nicht mehr im Kosovo, sondern in den verschneiten Wäldern Oregons. Seine ersten Opfer sind zwei Jäger, deren Einzelteile er malerisch im Gehölz drapiert. Natürlich gibt es nur einen Menschen, der dem Psychopathen das Handwerk legen kann: sein ehemaliger Lehrer, der vom FBI aus dem Ruhestand geholt wird. Ein Duell beginnt. Einer der beiden Männer, so verlangen es die Gesetze des Genres, wird auf der Strecke bleiben.

„Das ist ein Dschungel da draußen“, sagt L.T., als er im FBI-Hauptquartier in Portland aus dem Fenster schaut. Gut ist der Mensch im Grunde nur, wenn er zurückkehrt in die Natur, die wahre Wildnis lauert in der Stadt. Das Drehbuch des Films geht zurück auf Richard Connells short story „The Most Dangerous Game“, in der aus einem Spiel blutiger Ernst wird und zwei Großwildjäger aufeinander losgehen. Das perfekteste Beutetier ist der Mensch selber, und aus dem Jäger kann jederzeit der Gejagte werden. Vielleicht hätte aus der „Stunde des Jägers“ ein guter Actionfilm werden können, aber Friedkin hat ihn mit Pathos überzuckert. Tommy Lee Jones, den man selten so lustlos hat spielen sehen, versucht, wie Hemingway in der Spätphase zu gucken, während er Hermann-Löns-artige Naturphilosopheme aufsagt. Und wenn sich Lee Jones und Del Toro schließlich nicht mehr in den Wäldern, sondern in der Stadt jagen und einander bis auf das Dach einer S-Bahn hetzen, ist das nur noch eine traurige Erinnerung daran, dass Friedkin vor dreißig Jahren „The French Connection“ gedreht hat, einen der rasantesten Verfolgungsthriller der Filmgeschichte.

In 16 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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