Kultur : Draußen in der Tür

Fotos und Objekte von Zoe Leonard in der Galerie Nourbakhsch

Raimar Stange

Da ist der Berliner Galeristin Giti Nourbakhsch ein echter Coup geglückt: Sie präsentiert die erste Einzelausstellung mit Werken von der international erfolgreichen Künstlerin Zoe Leonard in Berlin. Und dabei stand das Galerieprogramm mit Künstlern wie Katja Strunz, Eva Grubinger und Bernd Krauß bisher eher für eine Nachwuchsgeneration. Die 1961 geborene US-Amerikanerin Leonard ist in Deutschland spätestens 1992 mit ihren „Vaginaportäts“ auf der Documenta IX bekannt geworden. Damals zeigte sie Fotos von geöffneten Frauenschenkeln zwischen historischen Frauenbildern, die sie in der musealen Kasseler „Neuen Galerie“ vorfand. Ein Jahr später überzeugte die Künstlerin auf der New Yorker Whitney Biennale mit der fotographisch dokumentierten fiktiven Biographie einer schwarzen lesbischen Hollywood-Schauspielerin.

In ihrer ersten Einzelausstellung in einer Berliner Galerie präsentiert Zoe Leonard eine beeindruckende Installation aus Fotoarbeiten und gebrauchten Reisekoffern. Die fünf hinter Glas, aber ungerahmt gezeigten Fotos ergeben gleichsam einen Gang durch einen anonymen urbanen Raum. Zugemauerte Türen und Fenster, eine Baumwurzel, die sich ihren Weg durch den Stein der Straße erkämpft hat und ein Stacheldrahtzaun vor einer spärlich bewachsenen Häuserfront werden in unterschiedlichen Fototechniken vorgestellt.

Zoe Leonard geht an Stellen auf der Jagd nach Schönheit, wo man sie zuletzt zu finden erhofft. Ihre Beute sind ungewöhnliche Motive aus ihrer Heimatstadt New York, deren emotionale Kraft von der Künstlerin dezent und still sichtbar gemacht wird. Dafür sorgt einerseits die reduzierte Hängung der Bilder, andererseits die Betonung eher formaler Momente. So gelingt es Leonard, ihre fast schon melancholischen Zeugnisse von verhinderten oder zumindest mühsamen Durchgängen beinahe als abstrakte Kompositionen zu gestalten. Die streng geometrische Form der Türen und Fenster und die parallelen Strukturen von Treppen und Zäunen erinnern an konstruktivistische Gemälde. Der hinzu kommende serielle Moment, der sich durch die lapidare Aneinanderreihung der Motive ergibt, spielt dann geschickt auf die Minimal Art von Sol LeWitt oder Donald Judd an. Wichtig ist bei Leonards Arbeiten aber auch die behutsame Farbgebung, deren Spektrum von schwarz-weiß bis hin zu einer blassen Tönung reicht. Dieser zurückhaltende Kolorismus ästhetisiert die Fotos in einer Weise, die ihre gefühlsechten Erzählungen von Schwellenangst einfühlsam, distanziert und konzeptionell zugleich erscheinen lassen. Die dem Betrachter dergestalt nahe gebrachte Schwellenangst ist offensichtlich in der immer wieder verbauten Dialektik von Innen und Außen begründet.

Von genau diesem Widerspruch berichtet auch das ästhetische Arrangement „untitled“, 2003, das aus fünf nebeneinander gestellten Koffern besteht. Die Koffer sprechen über Aufbruch und Flüchtigkeit, nehmen in ihrer soliden blockartigen Präsentation genau dieses Moment aber wieder zurück. Die verschlossenen Koffer verhindern zudem, genau wie die zugemauerten Türen und Fenster, einen Einblick in das Innere. Und auch die serielle Präsentation sowie die Rhythmisierung von blasser Farbigkeit hat Zoe Leonard in ihrer Kofferarbeit wiederum eingesetzt. Beide Werkgruppen ergänzen sich so zu einer Ausstellung, die nachhaltig im Gedächtnis bleibt (Preise zwischen 3500 und 8000 Euro).

Galerie Giti Nourbakhsch, Rosenthaler Straße 72, bis 31. Mai; Mittwoch bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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