Kultur : Draußen vor dem Tor

Auch Mädchen gehören ins Stadion: „Offside“ des Iraners Jafar Panahi

Christina Tilmann

Sie tun alles für ein Ticket. Reisen meilenweit an, im überfüllten Bus, verkleiden sich, malen sich die Farben der Nationalmannschaft ins Gesicht, wickeln sich in die Fahne ein, klauen sogar Uniformen, zahlen klaglos Schwarzmarktpreise fürs Ticket und das Fan-Plakat. Dabei sein ist alles: dabei sein im Stadion, live, nicht nur vor dem Fernseher daheim. Unvergleichlich, so ein Erlebnis. Und für manche unerreichbar.

Frauen dürfen nicht ins Stadion, im Iran. Sie könnten die Männer dort ja fluchen und schimpfen hören, wird als Begründung ausgegeben. Das würde ich weder meiner Frau noch meiner Schwester zumuten, dass sie hört, wie fremde Männer Dinge sagen, die nichts sind für die Ohren von Frauen, erklärt ein Soldat. Denn im Stadion lässt der iranische Mann offenbar richtig die Sau raus. Solche Gesellschaft braucht das wohl.

Doch wahre Fans schreckt das nicht. Sechs von ihnen porträtiert Regisseur Jafar Panahi („Der Kreis“) in seinem Spielfilm „Offside“ (Abseits), der zur Berlinale in diesem Jahr gerade recht kam – als Kommentar zur ideologisch aufgepeitschten Diskussion um eine Fußball-Karikatur und die folgenden Drohungen an den Karikaturisten. Am Ende gewann der Film – verdient, aber doch etwas überraschend – den Silbernen Bären.

Nun kommt „Offside“, noch passender, zur WM ins Kino, wenn auch eine Woche zu spät: Inzwischen ist die iranische Mannschaft aus dem Rennen, der angedrohte Besuch von Staatspräsident Ahmadinedschad abgewendet. Andererseits spielt die WM eine gewichtige Rolle für das Zustandekommen von Panahis Film. Gedreht wurde unter anderem im Juni 2005, während des Spiels Iran gegen Bahrain in Teheran, mit dem sich die iranische Mannschaft für die WM qualifizierte. Hätte sie verloren, hätte es auch diesen Film nicht gegeben, der mit einer wunderbaren Utopie im Freudentaumel nach Abpfiff endet: ein Autokorso durch Teheran, alle liegen sich in den Armen, ein Bäcker bietet Süßigkeiten gratis, und in der begeisterten Menge tauchen auch die weiblichen Fans glücklich unter.

Selten so stark das Gefühl, dass das Kino vielleicht doch die Welt verändern kann, im Kleinen zumindest. Im April dieses Jahres hatte Ahmadinedschad sogar schon angekündigt, das Stadionverbot für Frauen aufzuheben, dann aber nach Protesten der Großayatollahs einen Rückzieher gemacht. „Offside“ ist bislang nicht im Iran gelaufen.

Und doch schürt diese hinreißende Komödie die Hoffnung, dass die Einsicht über die Unvernunft siegt und über die Diskriminierung. Nicht nur, weil die weiblichen Fans mindestens so leidenschaftlich, mindestens so kenntnisreich mitfiebern wie die Männer – dass der Soldat, der den Mädchen zuliebe am Tor steht und das Spiel kommentiert, keine Ahnung von Fußball hat, wird höhnisch quittiert. Überhaupt sind es wunderbar intelligente Wortgefechte, die sich die Gefangenen mit ihren Bewachern liefern – und in denen sie, nach Punkten, locker gewinnen. Und die absurdeste, schönste Szene entsteht, als eins der Mädchen aufs Klo muss, aufs Männerklo – der Soldat versucht verzweifelt, sie abzuschirmen.

Über allem schwebt das eiserne Gesetz der Sittenbehörde: Den Mädchen droht wegen ihres Stadionausflugs Gefängnis, bei Uniformmissbrauch sogar Todesstrafe. Doch abseits dieser Regeln ist man sich durchaus sympathisch. Die Jungs, die die verkleideten Mädchen im Bus erwischen, wollen sie ins Stadion schmuggeln, und die jungen Rekruten tun ihre Pflicht höchst ungern. Neben dem Geschlechterkonflikt tobt hier ein Generationskonflikt, immerhin. Zwei Drittel der iranischen Bevölkerung sind unter 30.

Babylon (OmU), Broadway, International und Yorck

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