Kultur : Draußen vor der Hecke

Böses Heimspiel: Theresia Walsers „Kriegsberichter- statterin“ in München uraufgeführt

Mirko Weber

Der Institutschor singt Felix Mendelssohn-Bartholdys hübsches Lied „Im Grünen“. Der Garten ist im Münchner Marstall ein kräftig angemalter Andeutungsraum hinter einer Brecht-Gardine (Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Ann Poppel). Der Sommer aber scheint schon gegangen zu sein, nur Herr Fütterer will das nicht wahrhaben. Herr Fütterer (Gert Anthoff) schwitzt und lockert den Krawattenknoten, während er gläserklingelnd die jährliche Betriebsfeier einläutet: „Barolo, den habe ich selbst aus dem Piemont geholt.“

Herr Fütterer ist der Direktor eines Instituts für Sprachforschung respektive Sprachthesaurierung, das nur noch überleben kann, weil man in den übergeordneten Ministerien nahezu vergessen hat, dass es Herrn Fütterer und seine wörterbewahrenden („Blitzeis! Notknopf!“) Angestellten überhaupt noch gibt: Frau Schwerdtfeger (Ulrike Arnold), die sektselige Sekretärin, über die sich gesprächsweise gewundert wird, dass ein Mensch sich „beim Sex so klein machen“ könne. Herr Sommer (Peter Albert), das prädestinierte Mobbingopfer im Büro („und dann Pornohefte in der Schublade“). Herr Jossi (Michael Tregor), ein Intrigant mit DDR-Vergangenheit. Herr Mückenmüller (Marcus Calvin), ein kleinkarierter Schwadroneur, der nie mit der Arbeit fertig wird, zum Ausgleich dafür aber halbhasenherzig die Frau seines Chefs bespringt. Auch dabei freilich kommt er nicht zu einem Ende. Neun Personen, inklusive ihrer Begleiter, suchen hier beim jährlichen Gartenfestpflichttermin einigermaßen ein Auskommen miteinander. Doch die Stimmung ist vergiftet, und die Animositäten fliegen giftpfeilartig durch die Gegend. Die meisten treffen gut.

Es liegt etwas Bedrohliches über dieser Szene, etwas viel Bedrohlicheres noch als vor fünf Jahren im Werkraum der Kammerspiele: „Man hört das Geräusch von Fliegen, wie im Sommer, wenn irgendwo Fleisch verdirbt“, heißt eine Regieanweisung in Theresia Walsers großem Stück „So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr“, das im Jahr 2000 ebenfalls auf Betreiben vom damaligen Noch-Kammerspiel-Intendanten Dieter Dorn in München uraufgeführt wurde, in einer Umbauphase des Hauses an der Maximilianstraße notgedrungen halbszenisch. Auch da waren es eine Hand voll Leute, die aus ihrem beschädigten Leben erzählten, und weil sie sprachen, wie sie sprachen, waren sie: wahrhaftig.

Das deutsche Theater aber hat für Theresia Walsers Melodien, die bei aller Präzision noch den letzten Dreck gewissermaßen adeln, kaum das rechte Ohr. Die Stuttgarter Uraufführung der „Wandernutten“ missriet aufs Kläglichste, die Konstanzer Uraufführung der „Kriegsberichterstatterin“ kam nach langwierigen Rücksprachen mit der Autorin gar nicht erst zustande. Also übernahm München.

Und München übernimmt einigermaßen glänzend, denn Florian Boesch, ein Textermöglicher wie Dieter Dorn selber, hat nichts anders im Sinn, als Walser brillant sprechen zu lassen. Und das ist ungeheuerlich genug. Denn Theresia Walsers Stück hat jenseits der Reflexion über das sich selbst bespiegelnde semiintellektuelle Bürgertum eine Dimension, in die sonst wohl nur Botho Strauß auf dem Theater vorstößt. Es gibt ein Draußen vor der Tür bei ihr (ob es etwas Höheres gibt, ist nicht gesagt). Die Parade der Nickeligkeiten wird jäh unterbrochen durch den Auftritt der Kriegsberichterstatterin (Christine Schönfeld), eine schwarze, verhuschte Norne, die ziemlich genau weiß, wie das wird. Während die Feinde hier noch am Barolo nippen, fließt hinter der Hecke bereits das Blut: „In anderen Gärten sind sie schon viel weiter.“ Menetekel, Metapher?

Zwei Institutsmitglieder sterben nach dem Gartenfest auf rätselhafte Weise, wie immer, wie jedes Jahr. Aber die Party geht im nächsten Jahr weiter, und die Kriegsberichterstatterin bleibt fürs Erste einfach da. Das Personal ist gealtert, die Anzüglichkeiten sind nicht mehr so scharf. Das Ende der Welt scheint auf, aber die Komödie kippt nie ganz ins Tragische, das Drama an sich wirkt immer noch: leicht. Dies erreicht zu haben, ist das Verdienst des Regisseurs Florian Boesch. Dem grandiosen Text der in München gefeierten Theresia Walser eine (noch) tiefere Dimension zu erschließen, wäre die Aufgabe einer anderen Inszenierung.

Nächste Vorstellungen am 2., 7. und 24. März. Weitere Informationen unter www.bayerischesstaatsschauspiel.de

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