Dream City : Wenn die Medina tanzt

Es gibt ihn noch, den Geist der Arabellion: Das Festival „Dream City“ verwandelt Tunis in eine Oase der Freiheit.

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Bunte Wünsche. Raeda Saadeh, Palästinenserin, zeigt ihre Performance "The Wishes Tree am Eingang der Medina von Tunis. Begeistert schrieben die Tunesier ihre geheimsten Wünsche auf Stofffetzen und warfen sie auf das Kleid. Foto: Rolf Brockschmidt
Bunte Wünsche. Raeda Saadeh, Palästinenserin, zeigt ihre Performance "The Wishes Tree am Eingang der Medina von Tunis. Begeistert...Foto: Rolf Brockschmidt

Stoisch schiebt der Müllmann in Orange seine grüne Tonne durch die Gasse der Medina und gibt lauthals einen Singsang von sich, von dem unsereins nur das Wort „emchi“ versteht. Singende Müllmänner in Tunis? „Ich gehe voran“, übersetzt ein freundlicher Tunesier „emchi“ und präzisiert, „ich gehe aufrecht, und schreite voran“. Der Satz des Müllmanns ist Ausdruck des neuen Lebensgefühls. Ganz gleich, welchen Beruf ich habe, ich bin ein Mensch, wertvoll, aufrechten Ganges und schreite voran.

Tunis ist zur „Dream City“geworden, so heißt das Festival für die Altstadt. Tunesische Künstler und ausländische Gäste bespielen mit allen möglichen Ausdrucksformen die engen Gassen, führen zu ungewohnten, oft auch provisorischen Orten. Unser Müllmann in Orange ist Teil des Festivals. „Künstler im Angesicht der Freiheit“ war das Motto von „Dream City“ in diesem Jahr, wenngleich diese Freiheit durch religiöse Extremisten bedroht ist.

Am Ende der Rue Sidi Ben Arous liegt ein kleiner Platz, zwei Palmen, eine Frau in Schwarz schlägt die Trommel wie ein Marktschreier. Pappkulissen zeigen Sklaven mit Joch, und aus einer großen Kiste springt plötzlich schreiend eine Frau, eine Sklavin mit weißen Haaren und buntem Fransenrock, und führt zu den harten Trommelschlägen einen wilden Tanz auf. Auf dem Brunnenrand haben sich Zuschauer niedergelassen, Frauen jeden Alters, mit Kopftuch oder westlich gekleidet. Jugendliche lehnen lässig an ihren Mofas und schauen gebannt zu.

Dream City in der Medina
"Saadia verzweifelt gesucht" heißt das Stück von Naoufel Azara, das am Ende der Rue Sidi Ben Arous in Tunis aufgeführt wurde. Es geht um den Menschen als Ware. Foto: Rolf BrockschmidtWeitere Bilder anzeigen
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01.11.2012 13:42"Saadia verzweifelt gesucht" heißt das Stück von Naoufel Azara, das am Ende der Rue Sidi Ben Arous in Tunis aufgeführt wurde. Es...

Ursprünglich sollte es im alten Goldsoukh gespielt werden, doch die Basaris hatten etwas gegen das Spektakel in den engen Gassen – die Festivalleitung beschloss, den Spielort zu verlegen – der einzige „Zwischenfall“ während des fünftägigen Festivals in der Medina, deren Bewohner Performances, Tanz- und Straßentheater nicht gewohnt sind. Aber wo immer etwas geschieht, die Menschen bleiben stehen, schauen, irritiert, belustigt, kommen miteinander ins Gespräch. Viele junge Helfer sind unterwegs, erkennbar an ihren Schildern am schwarzen Band, und ebenso viele Tunesier und einige Touristen, bewaffnet mit einem Stadtplan und dem dicken grauen „Dream City“-Buch, das auf Englisch, Französisch und Arabisch erklärt, was zu sehen ist.

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