Kultur : Dreckig, leicht, billig

Operette: Radialsystem zeigt „Pariser Leben“.

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Berlin und die Operette: ein schwieriges Kapitel. Wer gut gemachte Aufführungen sehen will, fährt in die Provinz, die Hauptstadt fasst die Stücke nur spitzfingrig an. Was dabei herauskommt, hat die Staatsoper mit „Orpheus in der Unterwelt“ gerade gezeigt. Dass nur einen Tag später ein weiterer Klassiker von Jacques Offenbach in Berlin inszeniert wurde, weckte Hoffnung, es könnte zu einer kleinen Operetten-Renaissance kommen – aber auch die Macher der Offtheatertruppe Novoflot hinterlassen mit ihrer Version vom „Pariser Leben“ im Radialsystem vor allem eines: Ratlosigkeit.

Die Bühne: Ein Wald aus Stangen und Treppen. Aluminium als Chiffre für Paris? Dreckig, leicht, billig? Mit viel gutem Willen geht das durch. Nicht aber die überflüssige und penetrante Rahmenhandlung von Sven Holm (Regie) und Malte Ubenauf (Dramaturgie): Gott und Luzifer zerstreiten sich, Luzifer nimmt die Gestalt der Baronin von Gondremarck aus der Operette an, um Gott – in Gestalt der offenbachschen Hauptfigur Raoul de Gardefeu – zu verführen. Dünn, sehr dünn ist der Faden, der von hier zum Stück führt, nach Paris, in die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, zur gesellschaftlichen und politischen Atmosphäre des zweiten Kaiserreichs, dem Wesenskern von Offenbachs Kunst. Zudem fehlt es der Inszenierung an Tempo, sie verplätschert unter lustlosem Einheitslicht. Auch so kann man Offenbach killen: Indem man ihn auf die Streckbank legt.

Viele der Darsteller sind gegen ihr Fach besetzt. Ernst Surberg ist als Raoul de Gardefeu ein guter Pianist, aber sängerisch und darstellerisch ein Totalausfall. Seinen Text leiert er wie im Schülertheater herunter und stellt dabei sein Unvermögen mit einer Lust zur Schau, dass es Absicht sein muss. Aber es raubt dem Stück das Zentrum. Beizukommen ist Offenbachs trügerischer Leichtigkeit so nicht.

Yeri Anarika Vargas Sanchez (Bobinet) ist eigentlich Tänzerin, und das hört man auch. Meik Schwalm (Brasilianer) presst die Töne heraus, dass es eine Qual ist. Das übrige Ensemble singt gut, vor allem Hanna Dóra Sturludóttir als Metella. Olivia Grigolli (Luzifer und Baronin) schlägt sich als singende Schauspielerin noch am besten. Wie überhaupt der musikalische Rahmen stimmt: Unter Vicente Larranaga spielt das Ensemble Mosaik die Arien scharf, markant, reizvoll. Das ist ja das Glück der Oper (und der Operette): Dass schlechtes Spiel allein den Abend nicht tötet, solange die Musik funktioniert. Ein Jet fliegt auch mit einem Triebwerk. Nach der Pause allerdings wird es experimenteller, Arrangements machen sich bemerkbar. Das Klangbild dünnt aus zum bloßen Zupfen, Arien werden a capella gesungen, beim Can-Can „Jetzt geht’s los, ach famos“ klaffen Sänger und Instrumentalisten völlig auseinander. Gewollt? Dekonstruktion? Berlin wartet weiter auf die Operette. Udo Badelt

Wieder vom 21.–23. Dezember.

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